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Der Streit um Glyphosat – Worum geht es?

Die Zulassung für das Pflanzenschutzmittel Glyphosat wäre Ende 2017 ausgelaufen.

gelbes Feld
Nach dem Einsatz glyphosathaltiger Herbizide sterben alle Pflanzen auf dem Acker ab. Erkennbar ist das an der flächendeckenden gelblichen Färbung.
Quelle: Ingo Bartussek - stock.adobe.com

Am 27. November 2017 haben die EU-Länder aber beschlossen, sie um weitere fünf Jahre zu verlängern. Anderthalb Jahre lang rangen die Vertreterinnen und Vertreter der EU-Staaten in Brüssel um die weitere Verwendung des umstrittenen Unkrautvernichters. Durch die Stimme Deutschlands kam es bei der Abstimmung im November letztlich zu der benötigten Mehrheit in der EU-Kommission. In Deutschland schlug die Entscheidung hohe Wellen, weil der Bundeslandwirtschaftsminister diese Entscheidung getroffen hatte, ohne die Bundesumweltministerin mit einzubeziehen. Diese hatte sich zuvor gegen eine weitere Zulassung ausgesprochen.

Auch über die Grenzen Deutschlands hinaus wird schon seit einigen Jahren über das Unkrautvernichtungsmittel gestritten. landwirtschaft.de fasst die Debatte um Glyphosat zusammen und gibt Antworten auf häufig gestellte Fragen.

Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist der chemische Hauptbestandteil verschiedener Unkrautvernichtungsmittel. Diese Mittel, die man in der Fachwelt als Herbizide bezeichnet, werden überwiegend in der Landwirtschaft zur Beseitigung von Unkraut eingesetzt. Das Besondere an Glyphosat ist: Es ist ein sogenanntes Totalherbizid und in seiner Wirkungsweise einzigartig. Im Gegensatz zu den meisten anderen Herbiziden, die nur gegen spezielle Pflanzen oder Pflanzengruppen wirken, tötet Glyphosat alle grünen Pflanzen ab – egal ob Unkraut oder Kulturpflanze. Das bekannteste Unkrautvernichtungsmittel mit dem Wirkstoff Glyphosat ist Roundup.

Wer hat Glyphosat entdeckt?

Glyphosat wurde 1950 das erste Mal von einem Schweizer Unternehmen entwickelt. Zu diesem Zeitpunkt wusste man aber noch nichts von der unkrautvernichtenden Wirkung dieser chemischen Verbindung. Erst die Firma Monsanto entdeckte Ende der 1960er Jahre, dass Glyphosat wirksam gegen Unkraut einsetzbar ist und entwickelte darauf hin das Unkrautvernichtungsmittel Roundup, das 1974 erstmals zugelassen wurde.

Von da ab entwickelte sich der Wirkstoff Glyphosat zum weltweit bedeutendsten Inhaltsstoff von Herbiziden. Im Jahr 2000 lief das Patent auf die Substanz aus. Seitdem werden glyphosathaltige Unkrautvernichter auch von anderen Herstellern vertrieben. Monsanto ist aber nach wie vor Marktführer.

Nach Informationen des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) sind in Deutschland derzeit 37 glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel von zwölf Firmen zugelassen, die unter 105 Handelsnamen vermarktet werden (Stand Dezember 2017). Welche dies sind, können Sie über eine Onlinedatenbank des BVL in Erfahrung bringen.

Wie wirkt Glyphosat?

Glyphosathaltige Herbizide werden in flüssiger Form mit einer Pflanzenschutzspritze über die Pflanzen verteilt. Über die grünen Blätter gelangt Glyphosat ins Innere der Pflanze und verteilt sich dort in alle Pflanzenteile. Nach dem Eindringen in die Pflanzenzelle greift es in den Stoffwechsel der Pflanze ein: Es blockiert ein Enzym, das die Pflanze zur Herstellung wichtiger Aminosäuren braucht. Ohne diese Aminosäuren kann die Pflanze nicht leben und stirbt innerhalb weniger Tage ab. Da Glyphosat auch in die unterirdischen Pflanzenteile transportiert wird, lassen sich damit auch ausdauernde Unkräuter bekämpfen.

Gentech-Pflanzen benötigen das meiste Glyphosat

Weltweit wird mehr als die Hälfte der verwendeten Glyphosats auf Feldern versprüht, auf denen gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden, die gegen Glyphosat resistent sind. Diesen Kulturpflanzen kann das Totalherbizid nichts anhaben. Das Unkraut dazwischen wird jedoch wirksam bekämpft. Da glyphosatresistente Nutzpflanzen in Deutschland nicht zugelassen sind, spielt diese Form der Anwendung hierzulande keine Rolle.

Wo wird Glyphosat typischerweise eingesetzt?

Die Unkrautbekämpfung mit Glyphosat ist nicht nur besonders effektiv, sondern auch preisgünstig und arbeitssparend. Glyphosathaltige Herbizide werden meist im Ackerbau verwendet, um die Felder unkrautfrei zu machen. Auf diese Weise sparen sich Landwirtinnen und Landwirte die aufwändige mechanische Unkrautbeseitigung.

Ein weiterer, wenn auch vom Umfang her geringer Anwendungsbereich im Ackerbau ist die sogenannte Spätanwendung in Getreide und Raps. Hier darf Glyphosat kurz vor der Ernte auf Teilflächen eingesetzt werden, wenn es infolge von Zwiewuchs zu einer ungleichmäßigen Abreife kommt oder wenn wegen starkem Unkrautdurchwuchs (bei Getreide in lagernden Beständen) eine Beerntung andernfalls nicht mehr möglich wäre.

Neben dem Ackerbau wird Glyphosat auch im Obst- und Weinbau verwendet, um den Boden in der Umgebung der Stammbasis unkrautfrei zu halten. Im Grünland wird es punktuell angewendet, um einzelne ausdauernde Unkrautarten zu bekämpfen oder stark verunkrautete Wiesen und Weiden komplett zu erneuern. Die Deutsche Bahn nutzt Glyphosat, um das mehr als 33.000 Kilometer umfassende deutsche Schienennetz von störender Vegetation zu befreien.

Auch Freizeitgärtnerinnen und -gärtner können glyphosathaltige Produkte kaufen, um damit Unkraut im Garten zu bekämpfen. Angesichts der derzeitigen Diskussion um Glyphosat, hat die Mehrzahl der Bau- und Gartenmärkte jedoch entsprechende Produkte aus dem Sortiment genommen.

Wie hat sich der Glyphosateinsatz in den letzten Jahren entwickelt?

Glyphosat ist das mit Abstand am meisten verwendete Pflanzenschutzmittel. Sein Einsatz hat sich weltweit zwischen 1995 und 2014 mehr als verzwölffacht. Etwa 826.000 Tonnen Glyphosat wurden 2014 weltweit ausgebracht. Das meiste davon beim Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen.

In Deutschland lag der jährliche Glyphosatverbrauch 2014 bei etwa 5.400 Tonnen. Der weitaus überwiegende Teil davon fällt auf die Landwirtschaft. Dort wird auf rund 37 Prozent der Felder mindestens einmal im Jahr Glyphosat ausgebracht.

Warum wird über den Einsatz von Glyphosat so erbittert gestritten?

Seit mehreren Jahren wird über die möglichen Risiken des Unkrautvernichters Glyphosat debattiert. Kontrovers diskutiert wird in diesem Zusammenhang vor allem die Frage, ob Glyphosat gefährlich für die Gesundheit ist.

Glyphosat: Eine Gefahr für den Menschen?

Spätestens seit Glyphosat-Rückstände in Lebensmitteln wie Bier, Getreide, Milch und sogar im Urin und in der Muttermilch nachgewiesen wurden, ist die Verunsicherung in der Bevölkerung groß. Vollends entbrannt ist die öffentliche Debatte über den Wirkstoff dann, als Wissenschaftler der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC), den Wirkstoff infolge einer eigenen Studie als "wahrscheinlich krebserregend" einstuften.

Die IARC-Studie wurde darauf von verschiedenen anderen wissenschaftlichen Einrichtungen und Gremien geprüft, unter anderem von Pestizid-Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Welternährungsorganisation FAO, vom deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), von der Europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA) und der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA). Einige dieser Institutionen prüften darüber hinaus zahlreiche andere Studien, die im Zusammenhang mit dem Wirkstoff stehen. Sie alle kamen zu dem Schluss, dass nach derzeitigem Stand der Wissenschaft bei bestimmungsgemäßer und sachgerechter Anwendung kein Risiko für Krebsentstehung oder Erbgutveränderungen durch Glyphosat für den Menschen zu erwarten ist. Auch die Bedenken über die Glyphosatfunde in Lebensmitteln, Muttermilch und Urin konnten entkräftet werden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat dazu eine Veröffentlichung herausgegeben, die auf der Internetseite des BfR heruntergeladen werden kann:

Populäre Missverständnisse, Meinungen und Fragen im Zusammenhang mit der Risikobewertung des BfR zu Glyphosat

Schadet Glyphosat der Umwelt?

Relativ unstrittig ist nach Ansicht von Umweltbundesamt, Umweltverbänden und zahlreichen Wissenschaftlern dagegen die negative Wirkung des Unkrautvernichters auf die Umwelt. Als Totalherbizid tötet Glyphosat flächendeckend alle Wildpflanzen ab, die auf dem Acker wachsen und gefährdet damit die biologische Vielfalt. Und zwar nicht nur die pflanzliche, sondern auch die der Tiere, die an diese Ackerlebensräume gebunden sind – das sind insbesondere Insekten und Vögel. Zudem steht der Wirkstoff im Verdacht, Bodenorganismen und die Bodenfruchtbarkeit zu beeinträchtigen. Glyphosat ist zwar nicht der einzige herbizide Wirkstoff mit einer schädlichen Wirkung auf die biologische Vielfalt. Er nimmt aber eine Sonderrolle ein, weil er der mit Abstand am häufigsten verwendete Wirkstoff ist.

Gibt es (chemische) Alternativen zu Glyphosat?

Laut einer Studie der Universität Gießen würde ein Verbot von Glyphosat zu einem stärkeren Einsatz von Herbiziden mit anderen Wirkstoffen führen. Diese sind häufig schädlicher für die Umwelt. Das Julius Kühn-Institut (JKI) hat in einer Erhebung unter Landwirten herausgefunden, dass nicht für alle Anwendungsbereiche adäquate Ersatzprodukte verfügbar sind: Für die Hauptanwendungsbereiche im Ackerbau konnte das JKI überhaupt keine chemischen Alternativen identifizieren. Das gleiche gilt für den Kernobstanbau (v. a. Äpfel und Birnen). Wenn es Alternativen gibt, sind diese in der Regel schlechter in der Wirkung und/oder schädlicher für die Umwelt. 

Traktor auf dem Acker und pflügt
Mit dem Pflug kann sehr wirksam Unkraut auf dem Acker beseitigt werden
Quelle: countrypixel - stock.adobe.com

Alternative Pflug

Landwirtinnen und Landwirte müssten bei einem Verbot von Glyphosat also zwangsläufig wieder mehr pflügen. Dies war in Zeiten vor Glyphosat das Mittel der Wahl und funktioniert auch heute noch, wie sich im Ökolandbau zeigt, wo der Einsatz von Herbiziden generell verboten ist. Konventionelle Landwirtinnen und Landwirte befürchten dadurch allerdings steigende Kosten. Angaben des JKI zufolge, ließe sich jedoch auch im konventionellen Ackerbau das Unkraut vergleichsweise gut mit dem Pflug beseitigen, ohne dass zwangsläufig höhere Kosten entstehen müssen. Allerdings nur dann, wenn alle weiteren Bedingungen  hinsichtlich Boden und Witterung stimmen.

Für den Obst- und Weinbau gilt das nicht. Hier würde eine mechanische Unkrautbeseitigung zu erheblich höheren Kosten führen, so das JKI. Gemessen an der jährlichen Absatzmenge von Glyphosat, wäre das Einsparpotenzial im Wein- und Apfelanbau aber auch nur sehr gering, da hier gerade mal 10 bis 15 Prozent der Gesamtmenge verbraucht werden.

Pflügen: nicht in jedem Fall die bessere Wahl für Umwelt und Klima

Nicht-chemische Alternativen wie der Pflug müssen nach Angabe des JKI aber nicht immer automatisch besser für die Umwelt sein. Insbesondere in Hanglagen, wo die Gefahr des Bodenabtrags durch Wind und Wasser besonders groß ist, können die Nachteile des Pflugeinsatzes in der Summe größer sein, als bei der pfluglosen Bearbeitung mit Glyphosateinsatz. Durch das Pflügen wird außerdem die natürliche Struktur des Bodens gestört. Um dies zu verhindern, strebt auch die Ökolandwirtschaft seit Jahren danach, den Pflug mehr und mehr durch pfluglose Verfahren zu ersetzen – allerdings ohne Glyphosat oder andere chemische Unkrautvernichter:

Reduzierte Bodenbearbeitung im Ökolandbau – schont Boden und Klima

Wie geht es weiter?

Glyphosat ist nun für weitere fünf Jahre zugelassen. In dieser Zeit wird der Streit über den Unkrautvernichter Glyphosat aber sicher fortgesetzt. Es wird vermutlich weitere Untersuchungen darüber geben, welche gesundheitlichen Risiken von Glyphosat ausgehen. Und es wird weiterhin nach sinnvollen Alternativen gesucht werden. Vielleicht wird es zu einem nationalen Glyphosatverbot kommen, wie es aktuell von der Bundesumweltministerin gefordert wird. Vielleicht wird dies aber bald schon gar nicht mehr nötig sein. Nämlich dann, wenn große Lebensmittelketten oder Molkereien, wie es sich derzeit bereits andeutet, von ihren Lieferanten verlangen, nur noch Lebensmittel mit geringstmöglichen Mengen an Glyphosat zu liefern. 


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