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Im Stall mit dem Milchviehhalter

Gemolken wird heute automatisch, dennoch gibt es auf einem Milchviehbetrieb viel zu tun. Wir haben einen Milchviehhalter bei der Arbeit begleitet.

Im Laufstall können die Tiere sich frei bewegen.
Quelle: Cordula Möbius

4,2 Millionen Milchkühe gibt es in Deutschland. Eine imposante Zahl, doch die Zahl der Milchviehbetriebe sinkt hierzulande stetig: 64.000 sind es aktuell (Stand: Mai 2018) noch.

Milchbäuerinnen und -bauern stehen wirtschaftlich seit Jahren unter Druck. Sie müssen in engen Gewinnmargen zwischen steigenden Futterkosten und sinkenden Milchpreisen operieren.

Zwar lässt der derzeitige Milchpreis (Oktober 2018: circa 35,5 bis 38,6 Cent pro Kilogramm Milch), die Betriebe etwas aufatmen. Doch noch immer ist der Preis, den Molkereien für den Liter Milch zahlen, nicht kostendeckend. Dafür benötigen deutsche Milchviehhalterinnen und -halter durchschnittlich 40 Cent pro Liter Milch.

"Um heute Tierhaltung zu betreiben, muss man schon in Tiere vernarrt sein", sagt Detlef May. Der Geschäftsführer eines Milchviehbetriebs in Groß Kreutz (Brandenburg) beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit der Haltung von Kühen. Seine Milchviehherde in Groß Kreutz ist 230 Milchkühe stark. Hinzu kommen 180 Jungrinder. 

Wie werden Milchkühe gehalten?

Die Haltung von Milchrindern hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Als Detlef May 1993 ins Berufsleben startete, wurden die Kühe noch in Anbindehaltung gehalten. Doch bald gab es in Groß Kreutz einen modernen Laufstall für die Milchrinder. Er war größer, heller und luftiger als die alten Stallungen.

Kühe müssen in ihren Ruhephasen entspannt liegen und wiederkauen können.
Quelle: Cordula Möbius

"Wir legen großen Wert auf Stallkomfort für unsere Kühe", sagt Detlef May. "Sie sollen frei umherlaufen, fressen und saufen können und in ihren Ruhephasen entspannt liegen und wiederkauen.“ Denn der Stall ist das Zuhause der Kühe und nur eine Kuh, die sich wohlfühlt, kann ihr Leistungspotenzial optimal ausschöpfen.

Da die Grünlandflächen in Groß Kreutz sehr weit vom Betriebsterrain entfernt sind, können die Kühe nicht täglich auf die Weide. "Wir müssten sie viele Kilometer zu den Koppeln hin und wieder zurück treiben“, so der Geschäftsführer. "Das ist weder den Kühen noch den Arbeitskräften zuzumuten.“

Daher dürfen die Milchkühe nur in der Trockenstehphase auf die Weide. In diesem Zeitraum von etwa sechs bis acht Wochen werden sie nicht mehr gemolken, um sich vor der Geburt des nächsten Kalbes erholen zu können. Auch die erst noch zu Milchkühen heranwachsenden Jungrinder haben Weidegang. 

Wie werden Milchkühe gemolken?

Früher wurden die Kühe mit der Hand gemolken. Heute verwendet man hierfür Melkmaschinen. Und immer häufiger übernehmen automatische Melksysteme, so genannte Melkroboter, das Melken. Der Milchviehbetrieb in Groß Kreutz war vor 25 Jahren einer der ersten, der in einen Roboter investierte. "Wir sahen hier viele Vorteile“, sagt Detlef May. "Dazu zählt, dass die Kühe nun frei wählen können, wann sie gemolken werden möchten."

Und auch die Halterinnen und Halter profitieren von der modernen Technik. Anstatt zweimal am Tag mehrere Stunden zu melken, können sie ihre Arbeitszeit effizienter nutzen und sich intensiver der Versorgung der Kühe widmen.

Kühe gewöhnen sich schnell an das automatische Melken, berichtet Carola Franke, die Herdenmanagerin des Betriebs. "Die Tiere lockt das Kraftfutter, das im Roboter gereicht wird."

Um den Hals tragen sie einen Transponder. Darin sind alle Daten über die Kuh gespeichert. Der Transponder teilt dem Roboter mit, ob die Kuh ein Melkanrecht hat, wieviel Milch sie gibt und wieviel Futter sie erhalten soll. 

Beim Betreten des Roboters schließt sich ein Tor hinter der Kuh und sie erhält die für sie errechnete Portion Kraftfutter. Der Roboter reinigt das Euter, bereitet es auf das Melken vor und setzt das Melkzeug an. Sensoren helfen dabei, die Zitzen zu finden und kontrollieren den Milchfluss.

Wenn keine Milch mehr fließt, beendet der Roboter das Melken und säubert und desinfiziert die Gerätschaften automatisch. Ein Melkroboter kann 50 bis 60 Kühe täglich melken. 

Wieviel Milch gibt eine Hochleistungskuh?

Quelle: sinhya - fotolia.com

Mehr als 20 Kilogramm Milch gibt eine deutsche Milchkuh heute durchschnittlich am Tag; das sind 7.650 Kilogramm Milch im Jahr. Die Leistung der Kühe in Groß Kreutz liegt mit 10.295 Kilogramm noch weit darüber.

Solche enormen Leistungen sind das Ergebnis einer zielgerichteten Zucht. Milchrinder der Rasse "Deutsche Holstein", wie sie in Groß Kreutz zu finden sind, werden auf hohe Milchleistungen gezüchtet.

Doch sie sollen auch über eine stabile Gesundheit, Robustheit und gute Fruchtbarkeit verfügen, damit sie über viele Jahre nutzbar sind. "Eine Milchkuh rechnet sich für uns Milchbauern erst, wenn sie mindestens 30.000 Liter Milch in ihrem Leben gegeben hat. Dann hat sie ihre Aufzuchtkosten von durchschnittlich 2.500 Euro wieder erarbeitet", sagt Detlef May. 

Was passiert mit der Milch?

Der Melkroboter kann erkennen, ob die Milch in Ordnung ist oder ob eine Kuh vielleicht an einer Euterentzündung leidet. Dazu misst er bestimmte Parameter in der Milch, zum Beispiel die Temperatur, die Farbe, die elektrische Leitfähigkeit oder die Zellzahl. Und er informiert die Landwirtin oder den Landwirt, wenn eine Kuh eventuell behandelt werden muss und ihre Milch nicht mehr für den Konsum verwendet werden darf.

"Wir kontrollieren das sehr genau", sagt Detlef May, "und die Richtlinien sind sehr streng, damit nur wirklich einwandfreie Milch in der Molkerei landet. Kranke Tiere werden behandelt und separat gemolken."

Milchwagen vor Kuhstall
Täglich kommt der Milchlaster.
Quelle: Countrypixel - stock.adobe.com

Die für den Verzehr bestimmte Milch wird über ein Leitungssystem zu einem Kühltank transportiert, der die Milchqualität ständig überwacht. Die Kühlung beginnt bereits mit dem ersten Tropfen Milch, der den Tank erreicht. Länger als einen Tag lagert die Milch in der Milchviehanlage von Groß Kreutz nicht.

Täglich fährt ein Molkereifahrzeug auf den Hof und transportiert die Milch zu einer nahegelegenen Molkerei. Auch am Molkereifahrzeug selbst wird noch einmal gemessen, ob die Milch in einwandfreiem Zustand ist und für den Konsum zugelassen werden kann. Der Kühltank wird nach seiner Entleerung gereinigt, um eine maximale Hygiene bei der Lagerung der Milch zu garantieren.

Was fressen Milchkühe?

Aber auch die Kuh benötigt perfekte Rahmenbedingungen. Die Fütterung der Tiere spielt hierbei eine zentrale Rolle. Denn je nach ihrer Leistungsphase ändert sich bei der Kuh der Bedarf an Nährstoffen. 

Hinzu kommt, dass der Magen der Kuh ein sehr komplexes System ist, das eine Vielzahl an Komponenten benötigt, um gesund und effektiv arbeiten zu können. Milchviehhalterinnen und -halter berechnen für jede Leistungsphase eine eigene Futterration, dabei variiert das Verhältnis von Grundfutter und Kraftfutter.

Das Grundfutter besteht aus Komponenten wie Grassilage, Maissilage, Luzernesilage, Futterstroh, Feuchtkornmais, Kalk und Mineralfutter. Kraftfutter ist ein energiereiches Mischfutter aus verschiedenen Getreide- und Eiweißkomponenten wie Weizen, Triticale, Gerste, Weizenkleie, Rapsextraktionsschrot, Ackerbohne oder Erbse.

Die Berechnung der Ration ist eine kleine Wissenschaft, für die viele Informationen über die Kuh benötigt werden. Herdenmanagerin Carola Franke erhält sie aus den Daten des Halsbandtransponders und des Roboters.

Jeden Morgen blickt sie deshalb als erstes in das Herdenmanagementprogramm auf ihrem Computer, um über den Leistungs- und Gesundheitszustand der Kühe im Bilde zu sein. "Das Herdenmanagementsystem unterstützt mich bei der täglichen Arbeit und hilft mir, schnell und vorbeugend zu handeln", sagt Carola Franke.

Den täglichen Gang durch die Herde kann und soll es aber nicht ersetzen. Jeden Tag inspiziert die Herdenmanagerin den Rinderbestand. Sie schaut, welche Kühe brünstig sind, wie die Qualität des Futters ist und ob die Tiere gut fressen. Auch den Zustand der Gliedmaßen hat sie ständig im Blick. "Kühe müssen mobil sein und gute Klauen haben", sagt sie. "Daher legen wir viel Wert auf eine professionelle Klauenpflege unserer Tiere."

Warum werden die Kälber von der Mutter getrennt?

Eine Kuh kann nur viel Milch geben, wenn sie gesund und fruchtbar ist und regelmäßig - ungefähr einmal im Jahr - ein Kalb zur Welt bringt. Nach ihrer Geburt und dem Trockenlecken durch die Kuh, werden die Kälber in einen separaten Kälberbereich gebracht. In Einzelboxen mit Auslauf verleben sie ihre ersten Tage.

Später werden die Tiere in Gruppenbuchten umgestallt; als Jungrinder laufen sie in einem großen Stall und auf der Koppel. Die männlichen Kälber werden mit 14 Tagen verkauft, die weiblichen Tiere bleiben alle im Betrieb. Sie bilden den Nachwuchs für die Milchkuhherde.

Die meisten Menschen vermuten, dass Kühe und Kälber aus wirtschaftlichen Gründen so früh getrennt werden - damit dem Betrieb keine Milch "verloren" geht. Das ist richtig, aber nur einer von mehreren Gründen: "Darüber hinaus wollen wir sicherstellen, dass die Kälber das wertvolle Kolostrum so früh wie möglich trinken, und zwar in ausreichender Menge. Denn Kälber sind auf die Immunglobuline aus der Biestmilch angewiesen. Erfahrungsgemäß nehmen 40 bis 50 Prozent der Kälber aber zu wenig Milch auf, wenn sie an der Mutter saufen."

Als Kolostrum oder Biestmilch bezeichnet man die meist gelbliche und dickflüssigere Muttermilch in den ersten Tagen nach der Geburt. An den ersten beiden Lebenstagen erhalten die Kälber ausschließlich das Kolostrum ihrer Mutter, in den folgenden Tagen Mischkolostrum mehrerer Kühe.

Nach der ersten Lebenswoche werden die Kleinen mit angesäuerter Vollmilch aus dem Tränkeautomaten versorgt und können so viel trinken wie sie wollen. Nach und nach wird ein Milchaustauscher zugegeben, an den sich die Tiere dann langsam gewöhnen können.

Was aus der Sicht der Fachleute aus Groß-Kreutz ebenfalls für eine rasche Trennung von Mutter und Kalb spricht: "Die Erfahrung aus der Natur zeigt, dass sich die Bindung zwischen Kuh und Kalb erst nach und nach einstellt. Der Trennungsschmerz ist deshalb anfangs geringer."

BZL-YouTube-Kanal: Videoreihe zur Milchviehhaltung

Zu den weiteren Videos des BZL-YouTube-Kanals

Warum haben Milchkühe keine Hörner?

Mehrmals im Jahr empfängt der Betrieb Besucher. Detlef May wird dann oft gefragt, warum so viele seiner Kühe hornlos sind. "Kühe nutzen ihre Hörner leider häufig als Waffe", sagt er. "Das verursacht vor allem dann Stress, wenn Engpässe entstehen, zum Beispiel an der Tränke, beim Durchgang zur Weide oder am Melkroboter. Die rangniederen Tiere werden weggedrängt und auch für den betreuenden Menschen kann es (lebens-)gefährlich werden. Das müssen wir unbedingt vermeiden."

Bereits bei den Kälbern werden die Hornanlagen deshalb verödet. Die Kälber werden vor der Behandlung durch einen Tierarzt sediert und erhalten ein länger wirkendes Schmerzmittel. Nach der Enthornung wird die Wunde desinfiziert, um Entzündungen zu vermeiden. Dieses Vorgehen ist nach dem Tierschutzplan des Landes Brandenburg seit 2017 verpflichtend vorgeschrieben. In anderen Bundesländern gibt es ähnliche Tierschutzvorgaben.

Doch 15 bis 20 Prozent der Rinder werden in Groß Kreutz bereits hornlos geboren. "Seit geraumer Zeit setzen wir zur Zucht nur noch Bullen ein, die Hornlosigkeit vererben", sagt Detlef May. "„Bis der gesamte Bestand hornlos ist, wird es aber noch einige Jahre dauern, denn wir dürfen die anderen Leistungs- und Gesundheitsmerkmale, die für eine gesunde Kuh wichtig sind, bei der Zucht nicht vernachlässigen."


Weitere Informationen

Praxis-agrar.de: Milchviehhaltung in Deutschland

Praxis-agrar.de: Natürliches Verhalten und Ansprüche von Milchvieh

BZL-Datenzentrum: Entwicklung der Kuhmilchpreise und -mengen in Deutschland

Statistisches Bundesamt: Haltungen mit Rindern und Rinderbestand


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