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Im Stall mit dem Milchviehhalter

Gemolken wird heute automatisch, dennoch gibt es auf einem Milchviehbetrieb viel zu tun. Wir haben einen Milchviehhalter bei der Arbeit begleitet.

Im Laufstall können die Tiere sich frei bewegen.
Quelle: Cordula Möbius

4,1 Millionen Milchk√ľhe gibt es in Deutschland. Eine imposante Zahl, doch die Zahl der Milchviehbetriebe sinkt hierzulande stetig: 64.100 waren es im Mai 2019 ‚Äď und damit 2.900 weniger als noch ein Jahr zuvor.

Milchb√§uerinnen und -bauern stehen wirtschaftlich seit Jahren unter Druck. Sie m√ľssen in engen Gewinnmargen zwischen steigenden Futterkosten und sinkenden Milchpreisen operieren.

Schon l√§nger ist der Preis, den Molkereien f√ľr den Liter Milch zahlen, nicht mehr kostendeckend. Daf√ľr ben√∂tigen deutsche Milchviehhalterinnen und -halter n√§mlich durchschnittlich 40 Cent pro Liter Milch.
Diese H√∂he hat der Milchreis aber schon seit etwa f√ľnf Jahren nicht mehr erreicht .

"Um heute Tierhaltung zu betreiben, muss man schon in Tiere vernarrt sein", sagt Detlef May. Der Gesch√§ftsf√ľhrer eines Milchviehbetriebs in Gro√ü Kreutz (Brandenburg) besch√§ftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit der Haltung von K√ľhen. Seine Milchviehherde in Gro√ü Kreutz ist 230 Milchk√ľhe stark. Hinzu kommen 180 Jungrinder. 

Wie werden Milchk√ľhe gehalten?

Die Haltung von Milchrindern hat sich in den letzten Jahren stark ver√§ndert. Als Detlef May 1993 ins Berufsleben startete, wurden die sehr h√§ufig K√ľhe noch in Anbindehaltung gehalten. Doch bald gab es in Gro√ü Kreutz einen modernen Laufstall f√ľr die Milchrinder. Er war gr√∂√üer, heller und luftiger als die alten Stallungen.

K√ľhe m√ľssen in ihren Ruhephasen entspannt liegen und wiederkauen k√∂nnen.
Quelle: Cordula Möbius

"Wir legen gro√üen Wert auf Stallkomfort f√ľr unsere K√ľhe", sagt Detlef May. "Sie sollen frei umherlaufen, fressen und saufen k√∂nnen und in ihren Ruhephasen entspannt liegen und wiederkauen.‚Äú Denn der Stall ist das Zuhause der K√ľhe und nur eine Kuh, die sich wohlf√ľhlt, kann ihr Leistungspotenzial optimal aussch√∂pfen.

Da die Gr√ľnlandfl√§chen in Gro√ü Kreutz sehr weit vom Betriebsterrain entfernt sind, k√∂nnen die K√ľhe nicht t√§glich auf die Weide. "Wir m√ľssten sie viele Kilometer zu den Koppeln hin und wieder zur√ľck treiben‚Äú, so der Gesch√§ftsf√ľhrer. "Das ist weder den K√ľhen noch den Arbeitskr√§ften zuzumuten.‚Äú

Daher d√ľrfen die Milchk√ľhe nur in der Trockenstehphase auf die Weide. In diesem Zeitraum von etwa sechs bis acht Wochen werden sie nicht mehr gemolken, um sich vor der Geburt des n√§chsten Kalbes erholen zu k√∂nnen. Auch die erst noch zu Milchk√ľhen heranwachsenden Jungrinder haben Weidegang. 

Wie werden Milchk√ľhe gemolken?

Fr√ľher wurden die K√ľhe mit der Hand gemolken. Heute verwendet man hierf√ľr Melkmaschinen. Immer h√§ufiger √ľbernehmen auch automatische Melksysteme, so genannte Melkroboter, das Melken. Der Milchviehbetrieb in Gro√ü Kreutz war vor 25 Jahren einer der ersten, der in einen Roboter investierte. "Wir sahen hier viele Vorteile‚Äú, sagt Detlef May. "Dazu z√§hlt, dass die K√ľhe nun frei w√§hlen k√∂nnen, wann sie gemolken werden m√∂chten."

Und auch die Halterinnen und Halter profitieren von der modernen Technik. Anstatt zweimal am Tag mehrere Stunden zu melken, k√∂nnen sie ihre Arbeitszeit effizienter nutzen und sich intensiver der Versorgung der K√ľhe widmen.

K√ľhe gew√∂hnen sich schnell an das automatische Melken, berichtet Carola Franke, die Herdenmanagerin des Betriebs. "Die Tiere lockt das Kraftfutter, das im Roboter gereicht wird."

Um den Hals tragen sie einen Transponder. Darin sind alle Daten √ľber die Kuh gespeichert. Der Transponder teilt dem Roboter mit, ob die Kuh ein Melkanrecht hat, wieviel Milch sie gibt und wieviel Futter sie erhalten soll. 

Beim Betreten des Roboters schlie√üt sich ein Tor hinter der Kuh und sie erh√§lt die f√ľr sie errechnete Portion Kraftfutter. Der Roboter reinigt das Euter, bereitet es auf das Melken vor und setzt das Melkzeug an. Sensoren helfen dabei, die Zitzen zu finden und kontrollieren den Milchfluss.

Wenn keine Milch mehr flie√üt, beendet der Roboter das Melken und s√§ubert und desinfiziert die Ger√§tschaften automatisch. Ein Melkroboter kann 50 bis 60 K√ľhe t√§glich melken. 

Wieviel Milch gibt eine Hochleistungskuh?

Quelle: sinhya - fotolia.com

√úber 26 Kilogramm Milch gibt eine deutsche Milchkuh heute durchschnittlich am Tag; das sind pro Jahr, bei durchschnittlich 305 Melktagen, 8.059 Kilogramm (Stand: 2018). Die Leistung der K√ľhe in Gro√ü Kreutz liegt mit 10.295 Kilogramm noch weit dar√ľber.

Solche enormen Leistungen sind das Ergebnis einer zielgerichteten Zucht. Milchrinder der Rasse "Deutsche Holstein", wie sie in Gro√ü Kreutz zu finden sind, werden auf hohe Milchleistungen gez√ľchtet.

Doch sie sollen auch √ľber eine stabile Gesundheit, Robustheit und gute Fruchtbarkeit verf√ľgen. "Eine Milchkuh rechnet sich f√ľr uns erst, wenn sie mindestens 30.000 Liter Milch in ihrem Leben gegeben hat. Dann hat sie ihre Aufzuchtkosten von durchschnittlich 2.500 Euro wieder erarbeitet", sagt Detlef May. 

Was passiert mit der Milch?

Der Melkroboter kann erkennen, ob die Milch in Ordnung ist oder ob eine Kuh vielleicht an einer Euterentz√ľndung leidet. Dazu misst er bestimmte Parameter in der Milch, zum Beispiel die Temperatur, die Farbe, die elektrische Leitf√§higkeit oder die Zellzahl. Und er informiert die Landwirtin oder den Landwirt, wenn eine Kuh eventuell behandelt werden muss und ihre Milch nicht mehr f√ľr den Konsum verwendet werden darf.

"Wir kontrollieren das sehr genau", sagt Detlef May, "und die Richtlinien sind sehr streng, damit nur wirklich einwandfreie Milch in der Molkerei landet. Kranke Tiere werden behandelt und separat gemolken."

Milchwagen vor Kuhstall
Täglich kommt der Milchlaster.
Quelle: Countrypixel - stock.adobe.com

Die f√ľr den Verzehr bestimmte Milch wird √ľber ein Leitungssystem zu einem K√ľhltank transportiert, der die Milchqualit√§t st√§ndig √ľberwacht. Die K√ľhlung beginnt bereits mit dem ersten Tropfen Milch, der den Tank erreicht. L√§nger als einen Tag lagert die Milch in der Milchviehanlage von Gro√ü Kreutz nicht.

T√§glich f√§hrt ein Molkereifahrzeug auf den Hof und transportiert die Milch zu einer nahegelegenen Molkerei. Auch am Molkereifahrzeug selbst wird noch einmal gemessen, ob die Milch in einwandfreiem Zustand ist und f√ľr den Konsum zugelassen werden kann. Der K√ľhltank wird nach seiner Entleerung gereinigt, um eine maximale Hygiene bei der Lagerung der Milch zu garantieren.

Was fressen Milchk√ľhe?

Aber auch die Kuh ben√∂tigt perfekte Rahmenbedingungen. Die F√ľtterung der Tiere spielt hierbei eine zentrale Rolle. Denn je nach ihrer Leistungsphase √§ndert sich bei der Kuh der Bedarf an N√§hrstoffen. 

Hinzu kommt, dass der Magen der Kuh ein sehr komplexes System ist, das eine Vielzahl an Komponenten ben√∂tigt, um gesund und effektiv arbeiten zu k√∂nnen. Milchviehhalterinnen und -halter berechnen f√ľr jede Leistungsphase eine eigene Futterration, dabei variiert das Verh√§ltnis von Grundfutter und Kraftfutter.

Das Grundfutter besteht aus Komponenten wie Grassilage, Maissilage, Luzernesilage, Futterstroh, Feuchtkornmais, Kalk und Mineralfutter. Kraftfutter ist ein energiereiches Mischfutter aus verschiedenen Getreide- und Eiweißkomponenten wie Weizen, Triticale, Gerste, Weizenkleie, Soja, Rapsextraktionsschrot, Ackerbohne oder Erbse.

Die Berechnung der Ration ist eine kleine Wissenschaft, f√ľr die viele Informationen √ľber die Kuh ben√∂tigt werden. Herdenmanagerin Carola Franke erh√§lt sie aus den Daten des Halsbandtransponders und des Roboters.

Jeden Morgen blickt sie deshalb als erstes in das Herdenmanagementprogramm auf ihrem Computer, um √ľber den Leistungs- und Gesundheitszustand der K√ľhe im Bilde zu sein. "Das Herdenmanagementsystem unterst√ľtzt mich bei der t√§glichen Arbeit und hilft mir, schnell und vorbeugend zu handeln", sagt Carola Franke.

Den t√§glichen Gang durch die Herde kann und soll es aber nicht ersetzen. Jeden Tag inspiziert die Herdenmanagerin den Rinderbestand. Sie schaut, welche K√ľhe br√ľnstig sind, wie die Qualit√§t des Futters ist und ob die Tiere gut fressen. Auch den Zustand der Gliedma√üen hat sie st√§ndig im Blick. "K√ľhe m√ľssen mobil sein und gesunde Klauen haben", sagt sie. "Daher legen wir viel Wert auf eine professionelle Klauenpflege unserer Tiere."

Cover der Brosch√ľre "So leben Milchk√ľhe"

BZL-Brosch√ľre

So leben Milchk√ľhe

Sie wollen wissen, woher die Milch kommt? Was das Besondere an Milchk√ľhen ist und wie sie in Deutschland leben? In zw√∂lf Fragen und Antworten bringt das kleine Heft leicht verst√§ndlich und informativ scheinbar Allt√§gliches, aber auch √úberraschendes zu Tage.

Zur Brosch√ľre

Warum werden die Kälber von der Mutter getrennt?

Eine Kuh kann nur viel Milch geben, wenn sie gesund und fruchtbar ist und regelmäßig - ungefähr einmal im Jahr - ein Kalb zur Welt bringt. Nach ihrer Geburt und dem Trockenlecken durch die Kuh, werden die Kälber in einen separaten Kälberbereich gebracht. In Einzelboxen mit Auslauf verleben sie ihre ersten Tage.

Sp√§ter werden die Tiere in Gruppenbuchten umgestallt; als Jungrinder laufen sie in einem gro√üen Stall und auf der Koppel. Die m√§nnlichen K√§lber werden mit 14 Tagen verkauft, die weiblichen Tiere bleiben alle im Betrieb. Sie bilden den Nachwuchs f√ľr die Milchkuhherde.

Die meisten Menschen vermuten, dass K√ľhe und K√§lber aus wirtschaftlichen Gr√ľnden so fr√ľh getrennt werden - damit dem Betrieb keine Milch "verloren" geht. Das ist richtig, aber nur einer von mehreren Gr√ľnden: "Dar√ľber hinaus wollen wir sicherstellen, dass die K√§lber das wertvolle Kolostrum so fr√ľh wie m√∂glich trinken, und zwar in ausreichender Menge. Denn K√§lber sind auf die Immunglobuline aus der Biestmilch angewiesen. Erfahrungsgem√§√ü nehmen 40 bis 50 Prozent der K√§lber aber zu wenig Milch auf, wenn sie an der Mutter saufen."

Als Kolostrum oder Biestmilch bezeichnet man die meist gelbliche und dickfl√ľssigere Muttermilch in den ersten Tagen nach der Geburt. An den ersten beiden Lebenstagen erhalten die K√§lber ausschlie√ülich das Kolostrum ihrer Mutter, in den folgenden Tagen Mischkolostrum mehrerer K√ľhe.

Nach der ersten Lebenswoche werden die Kleinen mit angesäuerter Vollmilch aus dem Tränkeautomaten versorgt und können so viel trinken wie sie wollen. Nach und nach wird ein Milchaustauscher zugegeben, an den sich die Tiere dann langsam gewöhnen können.

Was aus der Sicht der Fachleute aus Gro√ü-Kreutz ebenfalls f√ľr eine rasche Trennung von Mutter und Kalb spricht: "Die Erfahrung aus der Natur zeigt, dass sich die Bindung zwischen Kuh und Kalb erst nach und nach einstellt. Der Trennungsschmerz ist deshalb anfangs geringer."

BZL-YouTube-Kanal: Videoreihe zur Milchviehhaltung

Zu den weiteren Videos des BZL-YouTube-Kanals

Warum haben Milchk√ľhe keine H√∂rner?

Mehrmals im Jahr empf√§ngt der Betrieb Besucher. Detlef May wird dann oft gefragt, warum so viele seiner K√ľhe hornlos sind. "K√ľhe nutzen ihre H√∂rner leider h√§ufig als Waffe", sagt er. "Das verursacht vor allem dann Stress, wenn Engp√§sse entstehen, zum Beispiel an der Tr√§nke, beim Durchgang zur Weide oder am Melkroboter. Die rangniederen Tiere werden weggedr√§ngt und auch f√ľr den betreuenden Menschen kann es (lebens-)gef√§hrlich werden. Das m√ľssen wir unbedingt vermeiden."

Bereits bei den K√§lbern werden die Hornanlagen deshalb ver√∂det. Die K√§lber werden vor der Behandlung durch einen Tierarzt sediert und erhalten ein l√§nger wirkendes Schmerzmittel. Nach der Enthornung wird die Wunde desinfiziert, um Entz√ľndungen zu vermeiden. Dieses Vorgehen ist nach dem Tierschutzplan des Landes Brandenburg seit 2017 verpflichtend vorgeschrieben. In anderen Bundesl√§ndern gibt es √§hnliche Tierschutzvorgaben.

Doch 15 bis 20 Prozent der Rinder werden in Gro√ü Kreutz bereits hornlos geboren. "Seit geraumer Zeit setzen wir zur Zucht nur noch Bullen ein, die Hornlosigkeit vererben", sagt Detlef May. "‚ÄěBis der gesamte Bestand hornlos ist, wird es aber noch einige Jahre dauern, denn wir d√ľrfen die anderen Leistungs- und Gesundheitsmerkmale, die f√ľr eine gesunde Kuh wichtig sind, bei der Zucht nicht vernachl√§ssigen."


Weitere Informationen

Praxis-agrar.de: Milchviehhaltung in Deutschland

Praxis-agrar.de: Nat√ľrliches Verhalten und Anspr√ľche von Milchvieh

BZL-Datenzentrum: Entwicklung der Kuhmilchpreise und -mengen in Deutschland

 


Haltungsformen f√ľr Milchk√ľhe

Rund 4,2 Millionen Milchk√ľhe werden in Deutschland gehalten. Aber wie? Die am weitesten verbreiteten Haltungsformen im √úberblick.

K√ľhe

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