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Woher stammt das Saatgut für unsere Lebensmittel?

Moderne Hybridsorten bestimmen heute den Markt. Das beschert uns makelloses Gemüse, geht allerdings auf Kosten der Vielfalt auf den Feldern.

Quelle: Judith Trefzger

Mit der Saat fängt alles an. Ob Tomate, Gerste, Möhre oder Salat – Ursprung der meisten Kulturpflanzen ist das Samenkorn. Es ist die Basis für unsere Ernährung und Grundlage unserer Existenz. Früher erzeugten Bäuerinnen und Bauern Saatgut selbst. Bei Getreide etwa behielten sie einen Teil der geernteten Körner für die Aussaat im nächsten Frühjahr zurück.

Doch wer entscheidet heute darüber, was auf Feldern, in Gärtnereien und schließlich auf unserem Teller landet? Woher kommt die Saat, die Mensch – und Tier – ernährt? 

Mensch und Pflanze – eine enge Beziehung

Saatgut ist ein Kulturgut. Die Entwicklung von uns Menschen ist eng damit verknüpft. Seit der Mensch Pflanzen anbaut, hat er sie ständig verändert. Aus nutzbaren Wildpflanzen hat er Kulturpflanzen gemacht. Stets hat er nur solche Pflanzen vermehrt, die seinen Ansprüchen entsprachen, gesund waren und kräftig wuchsen.

Neben dieser Auslese (Selektion) hat Mutation – eine spontane Veränderung des Erbguts – die Pflanzen verändert. Je nachdem, ob eine Mutation zu begehrten oder unerwünschten Eigenschaften führte, wurden Pflanzen weitervermehrt oder eben nicht.

Lange war Saatgut Allgemeingut. Es wurde "über den Gartenzaun" weitergegeben und getauscht. Anbau und Züchtung lagen über Jahrhundert hinweg in den Händen von Bäuerinnen und Bauern. 

Trennung von Anbau und Züchtung

Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich das. Anbau und Vermehrung wurden voneinander getrennt. Man begann, Pflanzen professionell zu züchten, um damit Geld zu verdienen. Neben den traditionellen Züchtungsmethoden der Auslese und Mutation wurden Pflanzen gezielt miteinander gekreuzt, um gewünschte Eigenschaften in einer neuen Sorte zu vereinen.

Zuchtziele wie Ertrag und Einheitlichkeit der Pflanzen rückten immer stärker in den Vordergrund. Andere Qualitäten, die bis dahin wichtig waren, wie Widerstandsfähigkeit im Anbau, geschmackliche Qualitäten oder lokale Anbaueignung, verloren an Bedeutung.

Seit den 1930er Jahren kommen Hochleistungssorten auf den Markt, sogenannte Hybridsorten, die mittlerweile den globalen Saatgutmarkt dominieren. 

Hybridsorten – topp und hopp

In den Gemüseauslagen der Supermärkte dominieren Hybridsorten.
Quelle: ARTENS - stock.adobe.com

Große rote Einheitstomaten und makellose Paprika, eine wie die andere: Statt Vielfalt in Farbe, Form, Geschmack und Verwendungszweck haben sich einheitliche Hybridsorten in der Gemüseauslage von Supermärkten breitgemacht. Doch was zeichnet Hybridsorten aus?

Am Anfang steht die Entwicklung von Inzuchtlinien. Sie besitzen besonders begehrte Eigenschaften, zum Beispiel einen hohen Ertrag oder eine bestimmte Fruchtfarbe.

Kreuzt man beide Inzuchtlinien miteinander, geben sie diese Eigenschaften zuverlässig an ihre Nachkommen weiter. So entsteht Hybridsaatgut. Daraus wachsen Pflanzen, die besonders ertragreich und einheitlich sind – Tomaten sind alle gleich rot, Zucchini alle gleich groß.

Der Nachteil: Diese Superpflanzen taugen nicht zur Nachzucht. Denn der sogenannte Heterosis-Effekt, der die weit überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit von Hybriden bezeichnet, verpufft schon in der folgenden Generation wieder. Die gewünschten Eigenschaften verlieren sich.

Das hat zur Folge, dass Landwirtinnen und Landwirte sowie Gärtnerinnen und Gärtner jedes Jahr neues Saatgut kaufen müssen. Heute liegt der Marktanteil von Hybrid-Gemüsesaatgut in Deutschland bei etwa 70 Prozent. Auch der Ökolandbau muss darauf zurückgreifen, weil es für manche Kulturen, wie z.B. Brokkoli oder Blumenkohl, kaum noch traditionelle Sorten gibt.

Auch Hobbygärtner bekommen von Möhre, Tomate und Co im Gartencenter oft nur noch Hybridsaatgut, auch F1 genannt, das sie nicht weiter vermehren können. Wer seine Lieblingstomate aus dem Samen der eigenen Ernte ziehen will, ist gut beraten, einen Bogen um Hybride zu machen und sich nach samenfesten Sorten umzusehen. 

Samenfeste Sorten

Samenfestes Saatgut eignet sich für die Vermehrung. Hier werden Lauchpflanzen zur Saatgutgewinnung angebaut.
Quelle: Thomas Stephan - BLE

Samenfestes Saatgut entsteht auf dem Feld, nicht im Labor. Die Nachkommen einer Pflanze sehen aus wie ihre Eltern. Eine grüngelb gestreifte Tomate bringt aus ihren Samenkörnern im nächsten Jahr wieder eine grüngelb gestreifte Tomate hervor. Außerdem steckt in samenfesten Sorten Entwicklungspotential für die Zukunft.

Denn die Pflanzen sind – im Gegensatz zu Hybridpflanzen – nicht gleichförmig, jede hat ihre eigene genetische Ausstattung. Durch fortwährende Auslese und Vermehrung besonders wüchsiger und robuster Pflanzen lassen sich samenfeste Sorten kontinuierlich anpassen, etwa an den Klimawandel oder an neue Krankheiten und Schädlinge. Anders als Hybridsorten sind samenfeste Sorten also Mehrwegsorten und damit entwicklungsfähig.

Gentechnik

Mit gentechnischen Methoden verändern Pflanzenzüchter die Erbanlagen einer Pflanze: Im Labor werden Gene, also die Bausteine des Erbgutes, die bestimmte Eigenschaften bewirken, ausgetauscht, entfernt oder hinzugefügt. So erhält man Pflanzen, die etwa widerstandfähig gegen Krankheiten oder Pflanzenschutzmittel sind.

Beispiel Sojabohne: Durch Gentechnik wurde sie unempfindlich gegen das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Wird ein Sojafeld damit besprüht, werden alle Pflanzen außer der Sojabohne vernichtet. Das macht den Sojaanbau einfach und effizient.

Doch Gentechnik ist umstritten, unter anderem, weil die gesundheitlichen Auswirkungen auf den Menschen noch nicht endgültig geklärt sind. In Deutschland dürfen keine gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut werden.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat im Sommer 2018 entschieden, dass auch Pflanzen, die mittels des neuartigen CRISPR/Cas-Verfahren gezüchtet wurden, als gentechnisch veränderte Organismen einzustufen sind. Bei CRISPR/Cas wird mit Hilfe einer sogenannten "Genschere" eine gezielte Mutation im Erbgut einer Pflanze hervorgerufen. Was die einen für einen revolutionären Durchbruch in der Pflanzenzucht halten, ist für die anderen nur eine weitere Form ungewollter technischer Manipulation am Genom einer Pflanze.

Saatgutkonzentration und die Folgen für die Vielfalt

Ob Hybridzüchtung oder Gentechnik: Die Erzeugung von Saatgut liegt heute weitgehend in den Händen der Saatgutindustrie. Eine Handvoll Saatgutkonzerne beherrscht große Teile des Marktes. Sie lassen sich ihre neuen Sorten durch Patente oder Sortenschutzgesetze rechtlich schützen.

Kaufen Landwirtinnen und Landwirte Saatgut, bezahlen sie Lizenzgebühren. Die sind im Saatgutpreis enthalten und entlohnen die Leistung der Züchter. Möchten sie einen Teil der Ernte wieder aussäen, fallen Nachbaugebühren an. Hybridsorten dürfen nicht nachgebaut werden. Aber sie besitzen ohnehin einen "biologischen Sortenschutz", da der Ertrag schon in der nächsten Generation einbricht und die Einheitlichkeit vollständig verloren geht.

Traditionelle samenfeste Sorten haben es schwer. Sie sind nicht so einheitlich und gleichförmig wie industriell hergestellte Sorten und können meist die Kriterien, die das Bundessortenamt fordert, um sie für den Handel zuzulassen, nicht erfüllen. Mit dem Schwinden der samenfesten Sorten geht jedoch Vielfalt verloren, die nicht nur schmeckt, sondern auch wichtig ist für die Ernährungssicherung in der Zukunft.

Saatgut für den eigenen Garten

Wer in seinem Garten selber Tomaten, Paprika und Co ernten und daraus Samen fürs nächste Jahr gewinnen möchte, kann zu samenfesten Sorten greifen. Es gibt in Deutschland eine ganze Reihe von Organisationen (siehe angehängte Liste), die sich um den Erhalt der Vielfalt kümmern und nachbaufähiges, samenfestes Saatgut anbieten oder Bezugsmöglichkeiten vermitteln. Auch Museumsgärten oder Gärtnereien sind gute Quellen für alte Sorten.   


Weitere Informationen

BUND: Saatgut von samenfesten Sorten und Informationen im deutschsprachigem Raum

ProSpecieRara: Sortenfinder

Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt: Saatgutliste

Bundessortenamt: Sortenschutz

Pflanzeforschung.de: Hybridsorte


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