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Das staatliche Tierwohlkennzeichen – was steckt dahinter?

Das neue staatliche Tierwohlkennzeichen soll es beim Einkauf leichter machen, ein Mehr an Tierwohl erkennen und damit auch honorieren zu können.

Quelle: Monkey Business - stock.adobe.com

Freiwillige Kennzeichnung mit drei Stufen

Am 4. September 2019 hat das Bundeskabinett das Gesetz für das staatliche Tierwohlkennzeichen beschlossen. Es soll sich um eine freiwillige Kennzeichnung handeln. Sie umfasst drei Stufen, die alle über die derzeit in den meisten Betrieben gängige Praxis in Sachen Tierwohl hinausgehen. Produkte, die kein Mehr an Tierwohl bieten, werden dementsprechend nicht gekennzeichnet. 

Ab 2020 sollen die ersten gekennzeichneten Produkte auf den Markt kommen. Das Kennzeichen wird zunächst nur für Schweine gelten, soll später aber zum Beispiel auf Geflügel ausgeweitet werden.

Mehr Tierwohl ist nicht zum Nulltarif zu haben

Schweinegruppe
Das staatliche Tierwohlkennzeichen wird zunächst nur für Schweine gelten.
Quelle: BLE

Ziel der Kennzeichnung ist es, für Verbraucherinnen und Verbraucher schnell und einfach erkennbar zu machen, wo mehr Tierwohl drinsteckt, und Tierhalterinnen und Tierhalter für ihre Mehrinvestitionen zum Wohle der Tiere zu entlohnen.

Denn mehr Tierwohl bedeutet natürlich auch höhere Kosten für die Tierhalterinnen und -halter. Sie sollen einerseits staatliche Hilfen erhalten, andererseits sollen aber auch Verbraucherinnen und Verbraucher über höhere Preise ihren Beitrag leisten.

In Umfragen erklärt sich regelmäßig ein Großteil der Befragten dazu bereit, für ein Mehr an Tierwohl auch höhere Preise zu zahlen. An den Supermarktkassen schlägt sich das bislang jedoch nur sehr begrenzt nieder.

Es bleibt abzuwarten, inwiefern es gelingt, mit der neuen Kennzeichnung eine deutlich größere Zahl an Verbraucherinnen und Verbrauchern dazu zu bewegen, einen Aufpreis zu zahlen und damit die verstärkten Tierwohl-Bemühungen der Tierhalterinnen und -halter zu honorieren.

BZL-Broschüre

Tierwohl - Was hat das mit mir zu tun?

Der Unterrichtsbaustein für die 7. - 9. Jahrgangsstufe bereitet das komplexe Thema Tierwohl für die Fächer Sozialkunde, Politik, Wirtschaft und Verbraucherbildung auf und nimmt dabei vor allem die Milchviehhaltung in den Blick.

Zur Broschüre

Was unterscheidet die staatliche Tierwohlkennzeichnung von anderen Siegeln?

Verschiedene Lebensmitteleinzelhandelsketten hatten bereits 2018 eine vierstufige Haltungskennzeichnung eingeführt. Die Haltungskennzeichnung wird seit dem 1. April 2019 unter dem Titel "Haltungsform" vereinheitlicht und dient dazu, bestehende Tierwohlprogramme in ein vierstufiges System einzuordnen. Nach den gesetzlichen Mindeststandards erzeugte Produkte werden so zum Beispiel der Stufe 1, Bioprodukte der Stufe 4 zugeordnet.

Was ändert sich konkret?

Einige Beispiele:

- Mehr Platz: 20 Prozent (1. Stufe), 47 Prozent (2. Stufe) oder 100 Prozent inkl. Auslauf (3. Stufe)

- Betäubungslose Ferkelkastration nicht erlaubt

- Kürzen ("Kupieren") der Schwänze ausnahmslos verboten (2. und 3. Stufe)

- Transport zum Schlachthof: statt bis zu 24 Stunden sind nur bis zu 8 Stunden auf dem LKW erlaubt

Das staatliche Tierwohlkennzeichen soll über eine reine Haltungskennzeichnung hinausgehen und anhand einer ganzen Reihe unterschiedlicher Kriterien die gesamte Lebensspanne eines Tieres von der Geburt bis zur Schlachtung in den Blick nehmen. Dies umfasst neben mehr Platz für die Tiere unter anderem zum Beispiel auch eine längere Säugephase, mehr Tierschutz bei Transport und Schlachtung oder Verbesserungen bei der Fortbildung und im Stallmanagement der Tierhalterinnen und -halter.

Eine solche umfassendere Betrachtungsweise bei der Ausgestaltung der Kriterien hat das staatliche Tierwohlkennzeichen jedoch mit einer ganzen Reihe seit langem bestehender freiwilliger Tierwohl-Label gemein. Zu nennen wären hier zum Beispiel die Siegel von Neuland, dem Deutschen Tierschutzbund, das EU-Biosiegel oder auch die Siegel der verschiedenen Bio-Anbauverbände wie Naturland, Bioland oder Demeter.

Dennoch gibt es bereits seit langem den Ruf nach einem einheitlichen staatlichen Tierwohlkennzeichen, das für Verbraucherinnen und Verbraucher durch staatliche Kontrollen in besonderem Maße für Neutralität und Glaubwürdigkeit steht und angesichts der Label-Vielfalt den Überblick erleichtert.

Kennzeichnung – freiwillig oder verpflichtend?

Alle Kriterien des staatlichen Tierwohlkennzeichens für Schweine im Überblick.

Umstritten ist jedoch, ob es sich dabei um eine freiwillige oder eine verpflichtende Kennzeichnung handeln sollte. Das jetzt vorgestellte Tierwohlkennzeichen setzt ganz klar auf Freiwilligkeit.

Kritikerinnen und Kritiker bemängeln diese Freiwilligkeit und fordern im Sinne von mehr Transparenz eine verpflichtende Kennzeichnung. Damit müssten auch solche Produkte gekennzeichnet werden, die keinen Zugewinn in Sachen Tierwohl bringen.

Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner hingegen betonte bei der Vorstellung der Kriterien, das Kennzeichen solle ein Mehr an Tierwohl erkennbar machen. Dementsprechend dürften nur diejenigen damit werben, die verpflichtend und überprüfbar höhere Kriterien eingehalten haben und nicht jene, die lediglich gesetzliche Mindestanforderungen erfüllt haben.

Auch hinsichtlich der Anforderungen selbst gehen die Meinungen auseinander. Während Kritikerinnen und Kritiker gerade in der ersten Stufe des neuen Siegels nur marginale Verbesserungen zu den bestehenden gesetzlichen Regelungen sehen, verweisen Befürworterinnen und Befürworter auf die Notwendigkeit, eine möglichst große Zahl an Betrieben dafür zu gewinnen, ihre Tierwohlanforderungen entsprechend anzuheben, um ein Mehr an Tierwohl möglichst flächendeckend erreichen zu können.


Weitere Informationen

Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL): Fragen und Antworten zum staatlichen Tierwohlkennzeichen

BMEL: Das staatliche Tierwohlkennzeichen für Schweine - Alle Kriterien im Überblick


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