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Wolf und Weidetierhaltung – ein lösbarer Konflikt?

Wölfe breiten sich seit einigen Jahren wieder in Deutschland aus. Ein Erfolg für den Artenschutz, doch Weidetierhalter sorgt diese Entwicklung.

Seit 1998 breitet sich der Wolf wieder in Deutschland aus.
Quelle: Dennis - stock.adobe.com

Fast 150 Jahre lang war der Wolf in Deutschland ausgerottet, bis sich 1998 wieder ein Wolfspaar auf einem Truppenübungsplatz in Sachsen niederließ und dort zwei Jahre später die ersten deutschen Welpen zur Welt brachte. Seitdem breitet sich der Wolf sukzessive über die Bundesrepublik aus. Jedes Jahr ein Stück mehr.

Nach Angaben der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) wurden im Monitoringjahr 2017/2018 73 Rudel (Wolfsfamilien), 30 Wolfspaare und drei Einzelwölfe gezählt. Die meisten Tiere leben aktuell in Brandenburg, Sachsen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

So groß die Freude über die Rückkehr und Wiederansiedlung des Wolfes ist. Für Weidetiere, insbesondere kleinere wie Schafe und Ziegen, kann der Wolf eine Gefahr sein, auf die sich Weidetierhalter neu einstellen müssen.

Wie gefährlich ist der Wolf für Nutztiere?

* Verteilung der wolfsverursachten Schäden (Anzahl getötete/verletzte/vermisste Tiere) auf verschiedene Nutztierarten (2002-2017). Bei getöteten Rindern handelt sich überwiegend um Kälber, Quelle: DBBW

Der Wolf ist ein Raubtier und macht grundsätzlich keinen Unterschied zwischen wildlebenden Tieren und Nutztieren. Eine Gefahr kann er vor allem für kleinere Nutztiere, wie Schafe und Ziegen, darstellen. Weil das Fluchtverhalten vieler Schaf- und Ziegenrassen durch die Domestikation stark abgemildert wurde, sind sie ohne Schutzmaßnahmen leichte Beute für Wölfe. 

Rinder und Pferde werden dagegen sehr viel seltener Opfer von Wolfsübergriffen. Das liegt zum einen daran, dass sie größer sind als Schafe und Ziegen. Außerdem sind sie von Natur aus wehrhafter und haben oft noch ein ausgeprägteres Herdenverhalten. Wenn Tiere dieser Arten getötet werden, sind es meist Fohlen und Kälber.

Mit der stetigen Ausbreitung des Wolfes in Deutschland nehmen seit Jahren auch die durch ihn verursachten Nutztierschäden zu. Laut DBBW kam es im Jahr 2017 zu 472 Übergriffen, bei denen 1.667 Tiere – darunter 1.366 Schafe – Schaden genommen haben.

Fünf Jahre zuvor waren es gerade mal 54 Übergriffe und 156 geschädigte Tiere.

Welche Rolle spielen Nutztiere auf dem Speiseplan der Wölfe?

Laut der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ernähren sich Wölfe in Mitteleuropa vor allem von Reh-, Rot- und Schwarzwild, örtlich auch von Dam- und Muffelwild. Der Anteil von Nutztieren auf dem "Speiseplan" der Wölfe liegt bei nur 1,1 Prozent (Stand 2016).

Das scheint regional aber stark zu variieren. So kommt eine australische Studie zu dem Ergebnis, dass der Nutztieranteil etwa in Griechenland oder Nordspanien um ein Vielfaches höher liege. Auch weltweit bestehe die Nahrung von Wölfen heute bereits zu knapp einem Drittel aus Nutztieren bzw. anderen mit Menschen in Verbindung stehenden Quellen.

Die meisten Nutztierschäden gibt es in der Regel dort, wo Wölfe in neue Reviere einwandern, weil die Tierhalter dort noch nicht auf sie vorbereitet sind. Nach Angaben des DBBW gehen die Schäden in diesen Gebieten aber meist nach ein bis zwei Jahren zurück, dann wenn die Tierhalter entsprechende Herdenschutzmaßnahmen etabliert haben.

Es kommt leider immer wieder vor, dass Wölfe mehr Nutztiere töten als sie sofort fressen können. Das hat folgenden Grund:Hat der Wolf den Weidezaun einmal überwunden, stellen Nutztiere auf solchen Weiden für ihn eine außergewöhnlich leichte Beute dar. Die Weidetiere können nicht flüchten und lösen daher mehrfach den Jagdtrieb im Wolf aus.

So etwas käme in der freien Natur so gut wie nie vor, da die übrigen Tiere einer Herde, die nicht durch den Wolf attackiert werden, sofort die Flucht ergriffen.

Warum es gute Gründe gibt, den Wolf zu schützen

Grundsätzlich ist es erfreulich, dass sich eine heimische Tierart, die über 150 Jahre lang ausgerottet war, hierzulande wieder ansiedelt. Doch der Erhalt der Spezies Wolf ist nicht allein Selbstzweck. Als Teil des Ökosystems erfüllen Wölfe nämlich wichtige Funktionen, auch wenn wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt ist, wie genau der Wolf aktuell zum ökologischen Gleichgewicht beiträgt.

In jedem Fall helfen Wölfe auf natürliche Weise Wildtierbestände zu regulieren und verhindern damit Massenvermehrungen. Außerdem erbeuten sie kranke Tiere und halten damit die Bestände gesund. 

In der intensiv genutzten Kulturlandschaft in Deutschland ist die Dichte an Rehen, Hirschen und Wildschweinen allerdings derart hoch, dass Wölfe nur einen vergleichsweise kleinen Beitrag zur Regulierung der Wildtierbestände leisten können, sodass auch in Wolfsgebieten weiterhin gejagt werden muss.

Nutztiere können vor Wölfen geschützt werden

Über viele Generationen lang war der Schutz unserer Nutztiere vor dem Wolf nicht mehr nötig, weil er vollständig ausgerottet war. Die Wiederkehr dieses Raubtiers stellt die meisten Tierhalterinnen und -halter damit erst einmal vor völlig neue Herausforderungen. Nutztiere können aber in den meisten Fällen vor dem Wolf geschützt werden.

Herdenschutzhunde helfen Schäden einzudämmen, verursachen Halterinnen und Haltern aber auch zusätzliche Kosten.
Quelle: landpixel.de

Es gibt zwar keine Herdenschutzmaßnahmen, die einen 100-prozentigen Schutz bieten. Mit Elektrozäunen oder Herdenschutzhunden können die Schäden aber verringert werden. Die Anschaffung und Unterhaltung solcher Maßnahmen kostet Halterinnen und Halter jedoch Zeit und Geld, die sie in der Regel nicht über höhere Preise kompensieren können.

Werden trotz Herdenschutzmaßnahmen Nutztiere durch einen Wolf getötet oder verletzt, haben die Tierhalter in Deutschland ein Recht auf Schadensausgleich. Bevor der Staat dem Tierhalter den entstandenen Schaden jedoch ersetzt, wird durch einen sogenannten Rissgutachter und genetische Analysen erst einmal geprüft, ob es sich tatsächlich um einen durch den Wolf entstandenen Schaden handelt. Kann der Verdacht bestätigt werden, erhalten Nutzierhalterinnen und Nutztierhalter eine Entschädigung.

Schießen oder nicht schießen?

Seit einigen Monaten wird in Deutschland sehr kontrovers darüber diskutiert, ob und in welchem Fall Wölfe geschossen werden dürfen. Bislang ist im Bundesnaturschutzgesetz geregelt, dass Wölfe nur dann getötet werden dürfen, wenn sie sich Menschen gegenüber aufdringlich zeigen, Schmerzen leiden oder wiederholt und trotz umfangreicher Schutzmaßnahmen Nutztiere in großem Maße töten. Im letzteren Fall darf der Wolf auch nur dann getötet werden, wenn ein erheblicher wirtschaftlicher Schaden für die Nutzierhalter vorliegt. Außerdem gilt die Abschussgenehmigung nur für den Wolf eines Rudels, der nachgewiesenermaßen für den Schaden verantwortlich ist.

Vielen Nutztierhalterinnen und -haltern in Deutschland gehen diese Regelungen nicht weit genug. Sie fordern die Einrichtung von wolffreien Zonen, in denen ein Abschuss auch ohne Anlass möglich ist. Nur auf diese Weise könne ein ausreichender Schutz der Weidetiere gewährleistet werden. 

Natur- und Tierschützer kritisieren diese Forderungen. Sie sehen in "vereinfachten Abschüssen" keine nachhaltige Lösung der Konflikte mit der Weidetierhaltung. Die Nutztierrisse könnten sogar zunehmen, Wenn durch Abschüsse die Rudelstruktur zerstört werde, fremde Wölfe einwanderten oder junge Wölfe plötzlich ohne Elterntiere Nahrung jagen müssten, könne die Zahl der  Nutztierrisse sogar zunehmen, betont der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Der NABU schlägt vor, anstelle von Bestandsregulierungen ein nationales Herdenschutzzentrum einzurichten, um effektiver über Herdenschutz zu informieren und Weidetierhalterinnen und -haltern schneller und unbürokratischer zu helfen.

Auf politischer Ebene hat sich die Bundesregierung nach langem und zähem Ringen zwischen Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) und Bundesumweltministerium (BMU) im Mai 2019 auf einen Kompromiss geeinigt.  Danach muss im Fall von Nutztierrissen künftig nicht mehr nachgewiesen werden, welcher Wolf genau dafür verantwortlich war. Es dürfen nunmehr so lange Wölfe eines Rudels gejagt werden, bis in dem betreffenden Gebiet keine Schäden mehr auftreten.

Dabei wurde auch die Schadensschwelle herabgesetzt: So reicht laut Gesetzestext künftig ein "ernster" Schaden durch den Wolf aus. Es muss also nicht mehr, wie bisher, die wirtschaftliche Existenz des Weidetierhalters gefährdet sein. Voraussetzung bleibt jedoch, dass die Weidetierhalter ihre Herden ausreichend schützen. Abgeschossen werden dürfen außerdem nur Wölfe, die die Herdenschutzzäune mehr als einmal überwinden.

Während das BMU mit dem Gesetzentwurf zufrieden ist, sieht das BMEL das Erreichte lediglich als einen ersten Schritt in die richtige Richtung. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner gehen die Gesetzesänderungen nicht weit genug. Ebenso unzufrieden äußerten sich Jagd- und Landwirtschaftsverbände, aber auch Umwelt- und Tierschutzverbände. Die Diskussion, wie sich Nutztierschäden durch den Wolf am wirkungsvollsten verhindern lassen, wird also weitergehen.


Weitere Informationen

Praxis-agrar.de: Nutztiere wirksam vor Wölfen schützen

Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW)

DBBW: Sind Wölfe für Menschen gefährlich?

Bundeslandwirtschaftsministerium: Der Wolf - Zwischen Schutz und Herausforderung

NABU: FAQ – Wölfe in Deutschland


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