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Neue Schädlinge im Garten

Neue Schädlinge breiten sich in unseren Gärten aus. Was bedeutet das für den Pflanzenschutz? Und wieso ist es wichtig, neue Schädlinge zu melden?

Sehen aus wie schwarze Marienkäfer, sind aber keine: die Nymphen der Grünen Reiswanze
Quelle: Olaf Zimmermann - LTZ Augustenberg

Wenn es derzeit ein Thema gibt, dass Hobby- und Erwerbsgärtnerinnen und -gärtner gleichermaßen umtreibt, dann ist es die Kirschessigfliege. Seit dem Jahr 2011 breiten sich die nur wenige Millimeter großen Insekten in Windeseile in Deutschland aus – weitgehend unerwartet und so massiv in der Befallsstärke, dass an eine vollständige Abwehr nie zu denken war und von Anfang an die Schadensbegrenzung im Mittelpunkt stand.

Was die Kirschessigfliege so problematisch macht, ist zum einen die rasante Vermehrungsrate mit zehn bis dreizehn Generationen pro Saison und ca. 300 Eiern je Fliegenweibchen. Zum anderen sind es das breite Spektrum an Pflanzenarten, die befallen werden, sowie der Zeitpunkt der Fruchtschädigung. Betroffen sind sämtliche Stein- und Beerenobstarten, und da die Früchte kurz vor der Vollreife befallen werden, ist der Einsatz herkömmlicher Spritzmittel nahezu ausgeschlossen.

Eine Gesamtsituation, die schon für Hobbygärtnerinnen und -gärtner ausgesprochen ärgerlich ist, für Obstbaubetriebe aber schnell existenzbedrohende Ausmaße annehmen kann.

Zuzug weiterer Schaderreger erwartet

Die Kirschessigfliege ist bei Weitem nicht der einzige neue Schädling in heimischen Gärten. Zahlreiche in anderen Ländern oder sogar auf anderen Kontinenten beheimatete Schaderreger profitieren sowohl von der Globalisierung als auch vom Klimawandel. Die weltweiten Handelsströme ermöglichen es einer Vielzahl von Schädlingen, als blinde Passagiere in Pflanzen und Verpackungsmaterialien einzureisen. 

Der Klimawandel wiederum begünstigt den Zuzug in doppelter Hinsicht: Viele Schaderreger benötigen höhere Durchschnittstemperaturen oder zumindest mildere Winter, um sich dauerhaft etablieren zu können. Für manche wie die Kirschessigfliege stellte früher auch der Alpenkamm ein unüberwindbares Hindernis dar. Doch die ausschlaggebende, einst bis zu 50 Kilometer breite Eisbarriere schmilzt in manchen Jahren auf unter 15 Kilometer zusammen. Und wo es früher nur vereinzelt einmal ein Insekt über die Berge wehte, lassen sich heute bei günstigem Wind Tausende in neue Gefilde tragen.

Vorbereitung auf den Ernstfall

Hiesige Pflanzenschutzexpertinnen und -experten haben längst eine ganze Reihe von Schaderregern im Visier, mit denen über kurz oder lang gerechnet werden muss. Um das Ausmaß der Bedrohung abschätzen und eine Prioritätenliste erstellen zu können, stehen sie im intensiven Austausch mit Kollegen weltweit.

Das tatsächliche Risiko lässt sich allerdings oft erst ermessen, wenn eine größere Invasion kurz bevorsteht oder bereits erfolgt ist, zu unterschiedlich sind die regionalen Bedingungen. Das frühzeitige "Monitoring", also die intensiven Beobachtungen und Recherchen, ist dennoch immens wichtig, denn es hilft, im Bedarfsfall kurzfristig Lösungsstrategien zu entwickeln.

Passende Pflanzenschutzmittel finden

Für den Hobbygarten sind Pflanzenschutzmittel nur in sehr begrenztem Umfang zugelassen – aus gutem Grund. Freizeitgärtner können sich über eine Onlinedatenbank des Julius Kühn-Instituts darüber informieren, welche Maßnahmen sie gegen häufig vorkommende Schaderreger ergreifen können. Zudem können sie über eine Onlinesuche im Verzeichnis zugelassener Pflanzenschutzmittelherausfinden, welche Wirkstoffe beziehungsweise Pflanzenschutzmittel sie aktuell einsetzen dürfen.

Neue Bekämpfungsstrategien werden aus wirtschaftlichen Gründen in der Regel nämlich erst dann entwickelt, wenn bereits die ersten Schäden entstanden sind. Und es braucht mitunter Jahre, bis passende, in ihren Umweltauswirkungen vertretbare Wirkstoffe gegen die neuen Schädlinge untersucht beziehungsweise geeignete neue entwickelt sind.

Manchmal, wie im Fall der Kirschessigfliege, ist eine Bekämpfung mit herkömmlichen Pflanzenschutzmitteln auch von vornherein wenig sinnvoll oder nur im Erwerbsobstbau eine Option. Eine umso größere Bedeutung kommt den natürlichen Gegenspielern der Schädlinge zu.

So wie Florfliegen, Marienkäfer, Schlupfwespen, Raubwanzen, Raubmilben und viele andere Nützlinge "alteingesessene" Schädlinge wie Blattlausarten, Apfelwickler oder Spinnmilben in Schach halten, haben auch "die Neuen" Fressfeinde – die zum Teil sogar gleich mit einreisen.

Diese Fressfeinde auszumachen und zu bewerten – nach ihrer Schlagkraft, aber auch im Hinblick auf potenzielle Gefahren für andere heimische Pflanzen oder Tiere – ist ein wichtiger Teil der Verteidigungsstrategie.

Hobbygärtner können wichtige Hinweise liefern

Vor allem Freizeitgärtnerinnen und -gärtner werden zwangsläufig eine neue Gelassenheit entwickeln müssen, wenn es um das Thema Pflanzenschutz geht: Der Trend führt eindeutig weg von Spritzmitteln und Co.. Aus Kostengründen kommt im Hausgarten auch nicht jede biologische oder biochemische Gegenmaßnahme in Frage, und vollständig eingenetzte Kulturen dürften vielen Menschen aus optischen Gründen ein Dorn im Auge sein.

Dennoch kommt gerade den Hobbygärtnerinnen und -gärtnern bezüglich der invasiven Schaderreger eine besondere Rolle zu. Denn sie sind es in der Regel, denen unbekannte Tierchen an Gemüse, Obst oder Zierpflanzen als Erstes auffallen – und das im Idealfall noch bevor sich die Schädlinge in den großflächigen Anbaugebieten ausbreiten.

Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys)
Quelle: Olaf Zimmermann - LTZ Augustenberg

Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys)

Wann sich die Marmorierte Baumwanze bei uns ausbreitet, ist höchstwahrscheinlich nur eine Frage der Zeit. Auf der Prioritätenliste der Pflanzenschutzexpertinnen und -experten steht die aus China stammende Wanze vor allem deshalb ganz weit oben, weil sie ähnlich wie die Kirschessigfliege eine Vielzahl an Pflanzenarten befällt – und zwar gezielt die Früchte von Obst und Gemüse, wodurch Gegenmaßnahmen bei akutem Befall kaum noch greifen. In Asien sind einige Schlupfwespenarten als Fressfeinde bekannt, in Europa hingegen wurden noch keine natürlichen Gegenspieler gefunden. Nähere Informationen finden Sie in diesem Merkblatt.

Bläulingszikade (Metcalfa pruinosa)
Quelle: Olaf Zimmermann - LTZ Augustenberg

Bläulingszikade (Metcalfa pruinosa)

Diese unauffällige Art aus Nordamerika breitet sich sehr langsam aus. Da das pflanzensaftsaugende Insekt jedoch viele ganz unterschiedliche Pflanzen befällt, steht sie ebenfalls unter Beobachtung. Auch wegen eines interessanten Nebenaspekts: Ähnlich wie Blattläuse sondern Bläulingszikaden reichlich Honigtau ab, der gerne von Bienen aufgenommen wird. Der Zikaden-Honig ähnelt dem Wald-Honig.

Bei der Empfehlung von Pflanzenschutzmitteln muss daher Rücksicht auf Bienen und andere Nützlinge genommen werden, die sich vom Honigtau ernähren. Eine spezialisierte Zikaden-Schlupfwespe wurde in Deutschland bereits festgestellt. Schnittgut von befallenen Pflanzen sollte über die Biotonne entsorgt werden. Den Transport über weitere Strecken, etwa zur städtischen Kompostieranlage, sollte man vermeiden, um die Zikaden nicht zu verschleppen. Weitere Informationen finden Sie in diesem Merkblatt.

Maulbeerschildlaus (Pseudaulacaspis pentagona)
Quelle: Olaf Zimmermann - LTZ Augustenberg

Maulbeerschildlaus (Pseudaulacaspis pentagona)

Anders, als es ihr Name vermuten lässt, befällt die Maulbeerschildlaus auch zahlreiche andere Pflanzenarten wie Stein- und Kernobst, Johannisbeeren und Kirschlorbeer. In wärmeren Regionen Deutschlands hat sich dieser ebenfalls als gefährlich eingestufte Schaderreger bereits etabliert, weshalb es umso wichtiger ist, die Ausbreitungsgebiete möglichst genau zu erfassen.

Im Hausgarten genügt es jedoch, Befallsnester mit einem scharfen Wasserstrahl abzuspritzen, mit einer harten Bürste zu entfernen, oder die natürlichen Gegenspieler wie Schlupfwespen und räuberische Gallmücken zu fördern, die den Befall langfristig reduzieren helfen.

Zu diesem Zweck lohnt es sich auch von der Schildlaus besiedeltes Schnittgut im Garten zu belassen: Die Schildläuse sitzen darauf fest, die Nützlinge können jedoch wieder auf andere Pflanzen übersiedeln. Dort bekämpfen sie nicht nur die Maulbeerschildlaus, sondern auch viele weitere Schaderreger. Nähere Informationen zur Maulbeerschildlaus finden Sie in diesem Merkblatt.

Grüne Reiswanze (Nezara viridula)
Quelle: fcerez - stock.adobe.com

Grüne Reiswanze (Nezara viridula)

Dieser in warmen Regionen weltweit verbreitete Pflanzensaftsauger ist bereits seit Jahrzehnten gelegentlich als Klimaanzeiger in Deutschland anzutreffen, konnte sich aufgrund der einst strengeren Winter jedoch lange nicht dauerhaft ansiedeln. Für den Oberrheingraben ist das jedoch nicht mehr zutreffend. Etwa seit 2010 hat sich die Art dort vor allem im Gemüsebau als Dauerschädling etabliert und zählt nun im Sommer zu den optisch auffälligsten Insekten – vor allem die vielen bunt gefärbten Larven, die dem Pflanzenschutzdienst mitunter als „schwarze Marienkäfer“ gemeldet werden.

Die erwachsenen Reiswanzen können auf den ersten Blick mit der ebenfalls überwiegend grün gefärbten, jedoch nicht als Schädling einzustufenden Gemeinen Stinkwanze (Palomena prasina) verwechselt werden. Gegen die Grüne Reiswanze können für den Haus- und Kleingarten zugelassene nützlingsschonende Pflanzenschutzmittel gegen saugende Insekten angewendet werden. Diese schonen Schlupfwespen, die sowohl die erwachsenen Wanzen als auch deren Eier parasitieren. Nähere Informationen finden Sie hier.

Japankäfer (Popillia japonica)
Quelle: hildeanna - stock.adobe.com

Japankäfer (Popillia japonica)

Der Japankäfer ähnelt äußerlich dem Maikäfer und dem Gartenlaubkäfer. In Japan selbst halten ihn natürliche Gegenspieler in Schach. Anderswo richtet er durch sein massenhaftes Auftreten Millionenschäden an: Seine Engerlinge fressen an den Pflanzenwurzeln, insbesondere von Rasenflächen; die ausgewachsenen Käfer an den oberirdischen Pflanzenteilen von über 200 Wirtspflanzen, darunter auch Obst und Wein.

In Deutschland wurde der Japankäfer bislang noch nicht beobachtet, in Italien ist er allerdings seit einigen Jahren etabliert. 2016 folgten erste Meldungen aus der Südschweiz, daher ist er unter den noch nicht gemeldeten neuen Schaderregern der wahrscheinlichste Kandidat für den südlichen Oberrheingraben. Als Quarantäneschädling muss er bei Verdacht dem zuständigen Pflanzenschutzdienst gemeldet werden. Gegen den Japankäfer helfen sowohl Insektizide als auch biologische Mittel und biotechnische Maßnahmen. Nähere Informationen finden Sie hier.

Gepunktete Laternenträgerzikade (Lycorma delicatula)
Quelle: Olaf Zimmermann - LTZ Augustenberg

Gepunktete Laternenträgerzikade (Lycorma delicatula)

Die 2,5 Zentimeter große Zikade mit dem attraktiven Punktemuster und den leuchtend roten Hinterflügeln ist ein Schaderreger, dessen Einwanderung nach Europa und Deutschland möglicherweise verhindert werden kann. Die Eipakete der Zikade sind sehr unscheinbar und schwer zu erkennen. Bislang unterstreichen lediglich Häutungsreste der Larven in Containern die im internationalen Handel stets vorhandene Einschleppungsgefahr.

Dennoch haben die Pflanzenschutzexperten die Zikade im Hinterkopf, was wiederum in dem breiten Spektrum an Wirtspflanzen begründet liegt: Sie vermehrt sich sehr stark und sticht Obst- und Ziergehölze an, um den nahrhaften Pflanzensaft zu saugen. Dabei sondert sie Honigtau in solchen Massen ab, dass komplette Stämme verschimmeln können. In Südkorea und den USA richtet die gepunktete Laternenträgerzikade bereits beträchtlichen Schaden an.


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