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Warum werden Kühe künstlich besamt?

Die künstliche Besamung ist in der heutigen Rinder- und Schweinehaltung der Standard. Denn das Verfahren bringt viele Vorteile mit sich.

Besamungstechniker steht hinter einer Kuh. Er hat den linken Arm zur Hälfte im Enddarm der Kuh. Mit der rechten Hand hält er die Pipette mit dem Sperma.
Der Besamungstechniker ertastet über den Darm die Gebärmutter der Kuh und führt dann mithilfe einer Pipette die Besamung durch.
Quelle: mustafagull via Getty Images

Die Kuh ist ein Säugetier. Sie gibt also nur dann Milch, wenn Sie zuvor ein Kalb zur Welt gebracht hat. In Deutschland bekommen Milchkühe daher in der Regel jedes Jahr ein Kalb.

Früher sorgte man mit einem sogenannten Deckbullen dafür, dass die Kuh trächtig wurde. „Natursprung“ nennt man dieses Verfahren, bei dem ein Bulle sich auf natürliche Weise mit einer Kuh paart. Der Natursprung kommt aber nur noch auf wenigen Betrieben vor. Laut Bundesverband Rind und Schwein e. V. (BRS) setzen heute knapp drei Viertel aller rinderhaltenden Betriebe auf die künstliche Besamung. So nennt man die Paarungsmethode, bei der Sperma von Vatertieren gewonnen und mithilfe von Instrumenten auf die Geschlechtsorgane der weiblichen Tiere übertragen wird.

Besamungsstationen liefern Sperma

Gewonnen wird das Sperma mithilfe einer künstlichen Scheide in sogenannten Besamungsstationen. Das sind spezielle Einrichtungen, in denen geprüfte und selektierte männliche Zuchttiere gehalten werden. Das von ihnen gewonnene Sperma wird untersucht, verdünnt, portioniert und anschließend meist in flüssigem Stickstoff tiefgefroren. Auf diese Weise kann es über viele Jahre eingelagert werden, ohne dass die Befruchtungsfähigkeit dadurch verloren geht.

Weniger Krankheiten und Verletzungen durch künstliche Besamung

Limousin-Bulle bespringt Kuh auf der Weide
Bullen, die in der Herde mitlaufen, um die Kühe auf natürliche Weise zu decken, gibt es meist nur noch in der Mutterkuhhaltung.
Quelle: Dominic Menzler - BLE

Entwickelt wurde die künstliche Besamung bereits um 1900. Ihren Durchbruch erlangte sie aber erst Anfang der 1950er Jahre, als das Tiefgefrieren des Spermas möglich wurde.

Anfangs wurde diese Methode vorrangig eingesetzt, weil man damit Erkrankungen der Tiere durch sogenannte Deckseuchen verhindern konnte. Zu dieser Zeit war es nämlich meist üblich, dass die Bäuerinnen und Bauern die Kühe zu einem sogenannten Gemeindebullen führten, der sie deckte. Trat auf einem der Betrieb eine infektiöse Krankheit auf, wurde diese über den Gemeindebullen meist sehr schnell auf andere Tiere und Betriebe im Ort übertragen.

Bei der künstlichen Besamung, bei der Bulle und Kuh keinen Kontakt zueinander haben, konnte das nicht mehr passieren. Auf diese Weise ließen sich zahlreiche Krankheiten, aber auch Verletzungen, die beim Natursprung typischerweise auftreten, eindämmen. Zudem brachte die künstlichen Besamung mehr Sicherheit für die Rinderhalterinnen und -halter. Denn der Umgang mit Bullen ist nicht immer ungefährlich.

Auch auf Bio-Betrieben wird künstlich besamt

Laut einer Studie des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau FiBL und der Uni Witzenhausen werden auch auf Bio-Betrieben heute rund 80 bis 90 Prozent der Milchkühe künstlich besamt. Und das, obwohl die EU-Öko-Verordnung eigentlich die natürliche Fortpflanzung durch Natursprung empfiehlt.

Erfolge in der Züchtung

Die Künstliche Besamung trug aber auch erheblich zum Züchtungserfolg bei. Denn auf diese Weise konnten Bullen mit besonders wertvollen Leistungsmerkmalen auch aus entfernteren Regionen – ja, sogar aus anderen Ländern – für die Zucht auf dem eigenen Betrieb berücksichtigt werden. Das erhöhte die Vielfalt bei der Auswahl möglicher Vererber.

Bullen aus dem Katalog

Heute können sich Landwirtinnen und Landwirte in (Online-)Katalogen von Zucht- und Besamungsorganisationen die Bullen mit den geeigneten Zuchtmerkmalen für ihre Kuh aussuchen und von diesem eine Samenportion bestellen. Besamungstechnikerinnen und Besamungstechniker kommen dann auf den Betrieb und sorgen dafür, dass das Sperma fachgerecht auf die Kuh übertragen wird.

Künstliche Besamung auch bei Schweinen und Pferden

Landwirt steht hinter einer Sau und hält die Tube mit Sperma.
In der Schweinehaltung wird meist eine ganze Gruppe von Sauen gleichzeitig besamt.
Quelle: agrarfoto.com

Auch in der Schweinehaltung ist die künstliche Besamung heute ein Standardverfahren: Laut BRS entstehen weit über 90 Prozent aller in Deutschland geborenen Ferkel auf diese Weise. Bei Schweinhalterinnen und -haltern ist die künstliche Besamung auch deswegen so beliebt, weil mit ihr die Gruppenabferkelung möglich wird. Dabei tragen alle Sauen eines Bestandes die Ferkel etwa zur gleichen Zeit aus. Das bietet für die Schweinehalterinnen und -halter arbeits- und vermarktungswirtschaftliche Vorteile.

Damit eine Gruppenabferkelung überhaupt erst möglich wird, sorgen Schweinhalterinnen und -halter vorher dafür, dass die Sauen einer Gruppe zur gleichen Zeit trächtig werden. Brunstsynchronisation nennt man das in der Fachsprache. Die Tiere können dann alle gleichzeitig besamt werden. Da eine gleichzeitige natürliche Deckung solcher Gruppen mit Ebern kaum möglich und auch wenig wirtschaftlich ist, wird in der Sauenhaltung künstlich besamt.

Auch bei Pferden und Geflügel hat die künstliche Besamung heute eine große Bedeutung.

Wie ist die künstliche Besamung aus Tierwohlsicht zu bewerten?

Mit der künstlichen Besamung nimmt man den Tieren sicherlich einen Teil ihrer artgemäßen Verhaltensweise. Schmerzen werden Ihnen dabei aber nicht zugefügt. Verglichen mit anderen in der Nutztierhaltung gebräuchlichen Eingriffen – wie Ferkelkastration, Enthornung oder Schwanzkupieren – stellt die künstliche Besamung eine eher geringe Einschränkung des Tierwohls dar.

Letzte Aktualisierung: 2. Dezember 2020


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