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Wie entstehen Fangquoten für die Fischerei?

Fangquoten sind wichtige Instrumente für eine nachhaltige Fischerei. Ihre Ermittlung ist aufwendig, teuer und erfordert ein enormes Know-how.

Fischerboot auf dem Meer
Fangquoten helfen, die Fischbestände nachhaltig zu schützen.
Quelle: Conny Pokorny via Getty Images

Der 1. Januar 1978 markiert eine Zeitenwende in der europäischen Fischerei, denn an diesem Tag trat die erste Verordnung zur "Erhaltung und Bewirtschaftung der Fischbestände durch Aufstellung von Fangquoten" in Kraft.

Seither sind die jährlich festgesetzten Gesamtfangmengen (auch Total Allowable Catches oder kurz TACs genannt) zum wichtigsten Instrument bei der kommerziellen Bewirtschaftung der Fischbestände geworden.

Fischfangquoten dienen der Erhaltung und Wiederauffüllung der Bestände und tragen somit dazu bei, die Fischerei insgesamt nachhaltiger auszurichten.

Ein Plattfisch wird vermessen
Auch das Vermessen der Fische, hier eines Plattfischs, gehört zu den fischereibiologischen Untersuchungen.
Quelle: Dr. Michael Welling

Wie lässt sich die künftige Entwicklung eines Fischbestandes seriös bewerten?

Fische leben weit verteilt und vor unseren Augen verborgen im Meer, was Urteile über ihre Mengen und Größen äußerst schwierig macht. Erste Hinweise auf den Zustand eines Bestandes liefern die Fänge der Fischer.

Wenn es in einem Gebiet immer länger dauert, die Netze zu füllen, und die Fische im Fang zunehmend kleiner sind als üblich, kann das ein Warnsignal für eine negative Entwicklung oder Überfischung sein.

Um den Zustand der Bestände, ihre Biomasse und Produktivität jedoch mit der gebotenen Genauigkeit beurteilen zu können, reicht das bei weitem nicht aus.

Erfolgreiche Fischereipolitik braucht wissenschaftliche Entscheidungshilfen für die Festsetzung von Fangquoten.

Kabeljau wird in einem Labor untersucht
Im Labor wird der Kabeljau fischereibiologisch untersucht.
Quelle: Dr. Michael Welling

Die Fischereibiologie zeigt Entwicklungen über lange Zeiträume auf

Die Beschaffung der Daten zur Bewertung der Fischbestände gehört zu den Hauptaufgaben der Fischereibiologie. In akribischer Kleinarbeit sammeln Biologinnen und Biologen mit verschiedenen Methoden Unmengen an Daten und Fakten zu den Fischbeständen, die sie dann mosaiksteinartig zusammenpuzzeln. So verschaffen sie sich einen realistischen Eindruck von der aktuellen Situation im Meer. Diese Aufgaben sind arbeitsaufwändig, mühevoll und kostspielig, weil zahlreiche biologische Parameter nur durch regelmäßige Fahrten mit Forschungsschiffen auf See gewonnen werden können.

Jedes Jahr zur gleichen Zeit werden die gleichen Zielgebiete aufgesucht, um dort Proben zu nehmen. Dadurch entstehen im Laufe der Jahre Zeitreihen, die direkte Vergleiche ermöglichen und aus denen sich gewisse Trends ableiten lassen.

Ergänzend dazu werden Echolotuntersuchungen und Probefänge durchgeführt, die Aufschluss über die räumliche Verteilung, das Größenspektrum (Biomasse) und den allgemeinen Zustand der Fische geben. Schlachtproben dienen dazu, das Geschlechterverhältnis, die Altersstrukturen, den Ernährungszustand, das Wachstum der Tiere und ihre Fruchtbarkeit (Eizahl) zu bewerten. Vergleichend werden Statistiken zu den angelandeten Fängen in den Häfen und Logbücher von Fangschiffen ausgewertet, die wichtige Fangdaten enthalten.

Einige Jungfische werden in einem Labor untersucht
Der Bestand an Jungfischen wird regelmäßig untersucht.
Quelle: Dr. Michael Welling

Blick in die "Kinderstube" ermöglicht Abschätzung von Bestandsentwicklungen

Um zukünftige Entwicklungen der Fischbestände abschätzen zu können, untersucht man oft sogar die Nachwuchsjahrgänge. Das Monitoring des Larven- und Jungfischaufkommens erlaubt trotz mancher Unsicherheiten erste vorsichtige Rückschlüsse auf die Entwicklung und Reproduktionsfähigkeit der Bestände sowie den Anteil der "Rekruten". So nennt man Jungfische, die erstmals eine fischereilich relevante Größe erreichen und damit als Zielobjekte für die Fischerei interessant werden.

Internationale Zusammenarbeit ist unverzichtbar

Weil Fische sich aber nicht an Staatsgrenzen und Hoheitsgewässer halten und zwischen Laich-, Weide- und Überwinterungsgebieten umherwandern, müssen ihre Bestände häufig in internationaler Zusammenarbeit untersucht und abgeschätzt werden. In der EU ist das sogar unverzichtbar, weil die Ressourcen im Rahmen einer Gemeinsamen Fischereipolitik gemeinschaftlich bewirtschaftet werden. Die Daten aus allen beteiligten Fischereinationen werden zentral gesammelt und bilden die Grundlage für die Ermittlung biologisch vertretbarer Fangquoten.

Eine Baumkurre auf einem Fischerboot wird zu Wasser gelassen
Mit Grundschleppnetzen – hier einer Baumkurre – fangen Fischereiforschungsschiffe Plattfische und Garnelen, um die Bestände in küstennahen Meeresgebieten zu untersuchen.
Quelle: Dr. Michael Welling

Internationaler Rat für Meeresforschung bündelt Daten und schlägt Quote vor

Die Quotenempfehlungen sind die wichtigste Aufgabe des ICES, des 1902 in Kopenhagen gegründeten Internationalen Rates für Meeresforschung. Unabhängige Expertengremien des ICES nutzen die von der Fischereibiologie erhobenen Daten, um mit mathematischen Modellen die Bestandsbiomassen der verschiedenen Fischarten abzuschätzen. Besonders wichtig ist dabei die Zahl geschlechtsreifer Tiere, die den Nachwuchs der nächsten Jahre produzieren.

Daraus leiten die Expertengremien dann wichtige Orientierungswerte, sogenannte Referenzpunkte, für das Fischereimanagement ab. Durch Kombination mit weiteren Kenngrößen wie der fischereilichen Sterblichkeit (ein abstraktes Maß für den Fischereidruck) sowie der Produktivität (dem Massenzuwachs der Fische) entsteht ein recht zuverlässiges Bild vom Zustand und der voraussichtlichen Entwicklung der Bestände.

Auf Basis dieser wissenschaftlichen Gutachten werden dann die biologisch vertretbaren fischereilichen Entnahmemengen vorgeschlagen. Dabei orientieren sich die Experten am Konzept des "maximalen nachhaltigen Ertrags" (maximum sustainable yield, MSY), das 2002 auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg festgelegt wurde. Mit dem MSY soll eine optimale Bewirtschaftung erreicht werden, die sowohl den Bestand erhält als auch auf Dauer höchste Erträge sichert. Das MSY-Konzept vereint sozusagen das ökonomisch Machbare in der Fischerei mit dem biologisch Vertretbaren bei der Nutzung der Ressourcen.

Fischereiforschungsschiff auf dem Meer
Das deutsche Fischereiforschungsschiff CLUPEA (zu Deutsch: Echter Hering) bei Untersuchungen.
Quelle: Beate Büttner

Festlegung der Fangquoten ist Aufgabe der Politik

Die Quotenvorschläge der ICES-Wissenschaftler sind Empfehlungen, die endgültige Entscheidung über die Fangquoten ist Aufgabe des Rates der für die Fischerei zuständigen Minister der EU-Mitgliedstaaten. Sie können aus politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Gründen von den wissenschaftsbasierten Empfehlungen abweichen. Das geschieht aber immer seltener und die Fangquoten sind heute auf Basis des Vorsorge- und Ökosystemansatzes strikter an den wissenschaftlichen Empfehlungen des ICES ausgerichtet.

Die festgesetzten Fangquoten werden nach einem festen prozentualen Schlüssel als nationale Quoten auf die einzelnen EU-Mitgliedsländer aufgeteilt, die diese erlaubten Entnahmemengen danach weiter Betrieben und Fangschiffen zuweisen.

Über die Fangquoten hinaus sieht die reformierte Gemeinsame Fischereipolitik auch mehrjährige Bewirtschaftungspläne für einige Fischarten vor. Langfristig werden zudem Mehrarten-Fangquoten angestrebt, die den Wechselwirkungen zwischen Fischarten stärker Rechnung tragen. Außerdem können für bedrohte Bestände Wiederauffüllungspläne mit drastischen Einschränkungen der Fischerei erlassen werden.

Die konsequentere Ausrichtung der Fangquoten an den wissenschaftlichen Empfehlungen zahlt sich aus. Trotzdem gibt es manchmal Kritik am Fischereimanagement. Den Fischern erscheint es oftmals zu rigoros, manchen Umweltorganisationen hingegen nicht streng genug. Die Fakten belegen jedoch, dass der Zustand der Fischbestände in den europäischen Gewässern bereits besser ist, als in der Öffentlichkeit oft wahrgenommen.

Quotenregelung zeigt positive Effekte

Der Status vieler Fischbestände im Nordostatlantik und in angrenzenden Gebieten hat sich in den letzte gut 20 Jahrent verbessert, die fischereiliche Sterblichkeit ging deutlich zurück und die Biomasseentwicklung weist seit 2007 einen positiven Trend auf. Auch der Wissenschafts-, Technik- und Wirtschaftsausschuss für Fischerei der EU (STECF) schätzte in seinem Lagebericht 2024 ein, dass sich der Zustand der Bestände (sowohl in EU- als auch in Nicht-EU-Gewässern) seit 2003 deutlich verbessert hat.

Der Anteil überfischter Bestände ist von 76 Prozent im jahr 2004 auf 32 Prozent im jahr 2022 gesunken, und auch die Rekrutierung weist seit 2011 wieder einen positiven Trend auf – es rücken also stärkere Nachwuchsjahrgänge für die Fischerei nach.

Die Biomasse der bewirtschafteten Arten hat seit 2007 stetig zugenommen. Jedoch sind die Unsicherheiten bei den Biomasseabschätzungen insgesamt hoch und auch die Spannbreite bei der Entwicklung einiger Arten bleibt groß. Sie fällt bei einzelnen Beständen sogar negativ aus – etwa beim Westdorsch in der Ostsee – doch die grundsätzliche Richtung stimmt, sodass sich der Aufwand lohnt.

Letzte Aktualisierung: 28. Mai 2024


Weitere Informationen

Thünen-Institut für Ostseefischerei: Informationen Fischbeständen und Fischerei in den Meeren


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