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Wie wirkt sich der Ukraine-Krieg auf die Nahrungsmittelsicherheit aus?

Der Krieg in der Ukraine sorgt für erhebliche Turbulenzen auf den weltweiten Agrarmärkten und gefährdet damit die Nahrungssicherheit.

Ukrainische Flagge liegt auf reifen Getreidepflanzen
Der Krieg in der Ukraine hat große Auswirkungen auf die globalen Getreidemärkte.
Quelle: Anna Koberska via Getty Images

Seit Ende Februar 2022 dauert der russische Angriffskrieg in der Ukraine nun an und ein Ende ist nicht in Sicht. Neben dem unermesslichen physischen und psychischen Leid, das der Krieg für die Menschen in der Ukraine vor Ort und jene auf der Flucht mit sich bringt, hat er auch erhebliche wirtschaftliche Folgen. Nicht nur für die Ukraine und Russland, sondern auch für andere Teile der Welt.

Die Auswirkungen des Kriegs betreffen neben dem Energie- und Industriesektor insbesondere auch die internationalen Agrarmärkte. Denn Russland und die Ukraine sind weltweit bedeutende Produzenten und Exporteure wichtiger Agrargüter – allen voran Sonnenblumenöl, Gerste und Weizen. Laut der FAO, der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen, exportieren allein diese beiden Länder zusammen knapp 64 Prozent des weltweit gehandelten Sonnenblumenöls. Bei Weizen sind es knapp 30 Prozent, bei Gerste rund 25 Prozent. Weitere wichtige Exportgüter sind Mais und Raps.

Infografik "Die größten Weizenexporteure weltweit"

Nahrungsmittelproduktion und -exporte stark eingeschränkt

Ein Frachtschiff wird mit Getreide beladen
Die Verschiffung von Getreide ist in der Ukraine kaum noch möglich, weil viele Häfen zerstört oder umkämpft sind.
Quelle: 3DFOX via Getty Images

Durch den Krieg kommt es in der Ukraine und in Russland derzeit zu starken Einschränkungen bei der Produktion und beim Export von Agrargütern. Bereits jetzt deutet sich an, dass in der Ukraine die diesjährigen Ernteerträge sehr viel geringer ausfallen werden als üblich. Das hat verschiedene Gründe: Viele Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, sind geflohen oder wurden zum Militärdienst herangezogen. Dringend notwendige Betriebsstoffe wie Diesel für die Traktoren, Dünger und Saatgut sind kriegsbedingt kaum noch verfügbar. Wichtige landwirtschaftliche Arbeiten wie die Aussaat und die Pflege der Äcker und Kulturen können somit kaum noch erledigt werden. Hinzu kommt, dass viele Ackerflächen in den von Russland besetzten Gebieten nicht mehr für den Anbau zur Verfügung stehen oder bereits zerstört wurden.

Ein weiteres Problem ist, dass auch ukrainische Agrargüter aus Lagerbeständen aktuell nicht mehr mit dem Schiff ausgeführt werden können, weil die Häfen stark umkämpft oder zerstört sind. Transporte über den Landweg sind meist zu unsicher und wegen der kriegsbedingt hohen Ölpreise ohnehin stark verteuert.

In Russland sind die Ernten zwar nicht in Gefahr und auch die russischen Seehäfen sind noch geöffnet. Dennoch deutet sich an, dass auch russische Agrargüter nicht mehr, oder nur eingeschränkt, den Weg ins Ausland finden. Laut einem Bericht des World Food Programmes (WFP) der Vereinten Nationen haben die Unsicherheiten rund um die vom Westen verhängten Handelsbeschränkungen in Russland dazu geführt, dass große Mengen an eingelagertem Getreide nicht mehr verschifft werden können. Wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) berichtet, plant Russland überdies, die Getreideexporte bis zum Sommer 2022 ganz auszusetzen. Ausnahmen soll es nur noch für Länder der Eurasischen Wirtschaftsunion, sowie die von der Ukraine abgespaltenen Separatistenrepubliken Donezk und Luhansk geben.

Auswirkungen auf arme Länder besonders groß

Staubiger Platz in Eritrea, mit ein paar Bäumen und Eselkarren
Zahlreiche arme Länder wie Eritrea sind zu fast 100 Prozent abhängig von Getreideimporten aus Russland und der Ukraine.
Quelle: mtcurado via Getty Images

Die Entwicklungen rund um das Kriegsgeschehen in der Ukraine haben dazu geführt, dass die ohnehin schon hohen Weltmarktpreise für Agrargüter, weiter explodiert sind. Laut WFP-Bericht stieg der Preis für Weizen nach Kriegsbeginn innerhalb von nur zwei Wochen um 28 Prozent.

Die Preissteigerungen sowie die Verknappung von Lebensmitteln treffen besonders jene Länder, die besonders stark von Importen abhängig sind. Laut WFP-Bericht gibt es weltweit fast 50 Nationen, die mehr als ein Drittel ihres Bedarfs an Weizenimporten über die Ukraine, Russland oder beide beziehen. Länder wie Eritrea, Kasachstan, Mongolei und Armenien sind sogar zu fast 100 Prozent von Weizenimporten aus diesen beiden Ländern abhängig.

Bei den betroffenen Ländern handelt es sich oft um sehr arme Staaten. Laut WFP ist daher zu befürchten, dass Lieferunterbrechungen und höhere Preise dort die Ernährungssicherheit stark gefährden. In vielen Ländern sei die Situation aufgrund extremer Wetterereignisse und Missernten in den letzten Jahren ohnehin schon extrem angespannt.

Nur geringe Auswirkungen auf Europa und Deutschland

Für Deutschland und die meisten anderen Länder der EU sehen Agrarexperten und -expertinnen die Versorgungssicherheit mit Lebensmittel derzeit nicht in Gefahr. Bei Weizen haben die EU und Deutschland einen Selbstversorgungsgrad von mehr als 100 Prozent – das heißt, sie produzieren mehr, als für die eigene Versorgung benötigt wird. Deutschland ist in der EU nach Frankreich der zweitgrößte Getreideproduzent.

Was kann man tun, um die Situation zu verbessern?

Es gibt Forderungen, Flächenstilllegungen zur Förderung der Biodiversität in Europa aufzuheben, um dort Nahrungsmittel anzubauen.
Quelle: photovideostock via Getty Images

Derzeit wird viel darüber diskutiert, was getan werden kann, um die negativen Auswirkungen des Kriegs auf die weltweite Nahrungsmittelversorgung abzumildern. Am naheliegendsten wäre es, wenn andere Länder einspringen würden, indem sie Ausfuhrbeschränkungen aufheben und Überschüsse an Nahrungsmitteln exportieren. Andere große Weizenexporteure der Welt wie etwa die EU, Kanada oder die USA haben inzwischen auch schon zugesagt, soweit es möglich ist, auszuhelfen. Expertinnen und Experten gehen aber davon aus, dass diese Exportmengen die Turbulenzen an den Agrarmärkten nicht verhindern, sondern lediglich etwas mildern können.

Deswegen denkt man in Europa gerade darüber nach, wie sich mehr Nahrungsmittel produzieren ließen. Die Europäische Union (EU) machte Ende März 2022 den Vorschlag, vier Millionen Hektar sogenannter Ökologischer Vorrangfläche für den Anbau von Nahrungsmitteln freizugeben. Solche von der EU geförderten Flächen dienen eigentlich dazu, die Biodiversität in der Landwirtschaft zu steigern und dürfen normalerweise nicht in herkömmlicher Weise mit Nahrungs- und Futterpflanzen bebaut werden. Laut EU gibt es dafür jetzt – auf das Jahr 2022 beschränkt – eine Ausnahme. Auf Ökologischen Vorrangflächen dürfen damit Nahrungs- und Futterpflanzen angebaut werden – auch unter Einsatz von Düngern und Pflanzenschutzmitteln. In Deutschland gilt diese Ausnahme nur begrenzt: hierzulande dürfen die Flächen nur zur Futternutzung durch Beweidung und Schnitt verwendet werden.

Die "Grüne Vier" und die Forderung, die Flächenstilllegung auszusetzen

Politiker aus Deutschland und der EU sowie Vertreter der deutschen Landwirtschaft wie Dr. Willi Kremer-Schillings, bekannt als „Bauer Willi“, oder die Vereinigung Land schafft Verbindung e. V. (LSV) wollen noch einen Schritt weiter gehen. Sie fordern, die vierprozentige Stilllegung von Ackerflächen auszusetzen, die ab 2023 im Rahmen der Reform der Gemeinsame Agrarpolitik EU-weit gelten soll. Zum Hintergrund: Die EU hat beschlossen, dass ab 2023 zur Wiederherstellung der stark geschädigten Biodiversität ein Teil der Flächen nicht mit Acker- oder Futterpflanzen bebaut werden darf. "Angesichts der kommenden vorhersagbaren Hungerkrise in vielen armen Ländern der Welt ein nicht erklärbarer Wahnsinn", sind Bauer Willi und LSV überzeugt und haben daher die Protestaktion „Grüne Vier“ ins Leben gerufen.

Doch welchen Effekt hätte es auf die weltweiten Agrarmärkte, wenn man in Europa auf die geplante Stilllegung von vier Prozent der Fläche verzichten würde? Dieser Frage haben sich drei Agrarökominnen und -ökonomen im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung angenommen. Sie haben verschiedene Szenarien durchgerechnet und kommen zu dem Schluss, dass die globale Getreideproduktion um gerade mal 0,4 Prozent stiege, würde man in der EU auf die vierprozentige Stilllegung verzichten. Auf den Weltmarktpreis für Getreide hätte dies, so die Agrarökonominnen und -ökonomen, nur sehr geringe Auswirkungen.

Für die EU-Kommission ist die Aussetzung der vierprozentigen Stilllegungsverpflichtung ohnehin keine Option. Sie hat Ende März 2022 bereits bekanntgegeben, dass sie keine Änderungen an der geplanten Agrarreform ab 2023 vornehmen wolle. Brüssel begründet die Entscheidung damit, dass man weiter daran festhalten wolle, die Zukunft der europäischen Landwirtschaft auf Nachhaltigkeit auszurichten. Dies sei wichtig, um andere ebenfalls bedrohliche Krisen wie den Klimawandel und den Rückgang der Biodiversität bewältigen zu können.

Weniger Pflanzen für Biokraftstoffe und Biogas?

Mais wird in Deutschland auch für die Erzeugung von Strom aus Biogasanlagen angebaut.
Quelle: Jan-Otto via Getty Images

Ein weiterer Vorschlag, um die verfügbare Menge an Nahrungs- und Futtermitteln kurz- bis mittelfristig zu steigern, zielt darauf ab, weniger Pflanzen für die Biokraftstoff- und Biogaserzeugung zu verwenden. Weltweit gehen erhebliche Mengen an Getreide und Ölsaaten in die Produktion von Biokraftstoffen wie Bioethanol oder Biodiesel. In diesem Zusammenhang spielt in Deutschland die Biogaserzeugung eine bedeutende Rolle, bei der viel Mais für die Erzeugung von Energie verwertet wird. Dadurch entsteht eine unmittelbare Konkurrenz zwischen „Tank und Teller“, was angesichts der gefährdeten globalen Ernährungssicherheit ethische Fragen aufwirft.

Vor dem Hintergrund der derzeit intensiven Bemühungen Deutschlands, sich in Sachen Energieversorgung – insbesondere beim Gas – möglichst schnell aus der Abhängigkeit von Russland zu befreien, stellt sich auf der anderen Seite allerdings auch die Frage, ob es aktuell sinnvoll ist, die Erzeugung von Gas über Biogasanlagen im eigenen Land einzuschränken.

Mehr Getreide für die menschliche Ernährung durch Reduzierung der Tierbestände?

Ebenfalls diskutiert wird derzeit, ob eine Verringerung der Tierbestände zu einer Verbesserung der globalen Ernährungslage beitragen könne. So fordert zum Beispiel der Bund für Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), dass sich das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) für ein EU-Sofortprogramm zur Abstockung der Tierbestände einsetzen solle: Konventionelle und ökologische Tierhalterinnen und -halter sollten ihre Tierbestände, befristet für 12 Monate, deutlich mindern und dafür einen Ausgleich des entgangenen Gewinns erhalten. Aus Sicht des BÖLW gebe es rein ökonomisch, derzeit keine günstigere Variante, um dem Hunger von Millionen Menschen vorzubeugen. Der BÖLW begründet das damit, dass in Europa nur 20 Prozent des Getreides als Lebensmittel verwendet würden, 60 Prozent der Getreideernte jedoch in den Futtertrögen landeten.

Der Bauernverband sieht in der Forderung des BÖLW jedoch keine Lösung, um die Probleme der Nahrungsmittelversorgung in Griff zu bekommen. Und auch in Bio-Kreisen ist die Position des BÖLW durchaus umstritten. Zwar sei eine stärkere Bindung der Tierzahlen an die Fläche und damit eine Reduzierung der Bestände wichtig, ein einjähriges Sofortprogramm könne jedoch allein aufgrund der Lebenszyklen der Tiere keine nennenswerte Wirkung entfalten.

Letzte Aktualisierung: 5. April 2022


Weitere Informationen

Thünen-Institut: Wie sich der Krieg in der Ukraine auf die Agrarmärkte auswirken kann

BMEL: Auswirkungen des Ukraine-Krieges – BMEL bringt erste Maßnahmen zur Unterstützung der Landwirtschaft auf den Weg

Heinrich-Böll-Stiftung: Auswirkungen einer Änderung der Flächenstilllegung in der EU auf den globalen Getreidemarkt

Deutschlandfunk: Ernährungssicherheit – Wie schnell kann die globale Landwirtschaft auf den Ukraine-Krieg reagieren?

FAO: The importance of Ukraine and the Russian Federation for global agricultural markets and the risks associated with the current conflict (PDF, englisch)

WFP: Food security implications of the Ukraine conflict (englisch)


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