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Die staatliche Tierhaltungskennzeichnung

Mit der staatlichen Tierhaltungskennzeichnung wird bald ein neues Logo auf Fleischprodukten zu finden sein. Wir erklären, was es damit auf sich hat.

Verschiedene verpackte Fleischprodukte, davor beispielhaft das neue staatliche Tierhaltungskennzeichen
Spätestens im September 2025 müssen alle frischen Schweinefleischprodukte deutscher Herkunft mit der neuen staatlichen Tierhaltungskennzeichnung gekennzeichnet sein.
Quelle: monticellllo / stock.adobe.com

Im August 2023 ist das neue Gesetz zur staatlichen Tierhaltungskennzeichnung verabschiedet worden. Die neue Tierhaltungskennzeichnung soll nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) "für Transparenz und Klarheit in Bezug auf die Haltungsform von Tieren sorgen und Verbraucherinnen und Verbrauchern eine bewusste Kaufentscheidung ermöglichen".

Dass viele Verbraucherinnen und Verbrauchern eine verpflichtende staatliche Kennzeichnung fordern, wurde zuletzt im "Ernährungsreport 2023" deutlich. Bei dieser Erhebung sprachen sich 86 Prozent der Befragten in Deutschland dafür aus.

Was wird gekennzeichnet?

Vorerst gilt die Kennzeichnungspflicht nur für unverarbeitetes Fleisch von Schweinen. Laut BMEL soll jedoch "zügig eine Erweiterung auf andere Tierarten, die Gastronomie und verarbeitete Produkte" erfolgen. Feste Termine dafür nennt das BMEL allerdings nicht.

Mastschweine stehen dicht beieinander
Vorerst beschränkt sich die Haltungskennzeichnung auf Mastschweine.
Quelle: deyanarobova via Getty Images

Was sagt das Label über das Fleisch aus?

Mit der Tierhaltungskennzeichnung werden Verbraucherinnen und Verbraucher neutral und ohne Wertung darüber informiert, wie die Nutztiere, deren Fleisch sie zu kaufen beabsichtigen, gehalten wurden. Gemeint ist damit zum Bespiel, wie viel Platz und Komfort die Tiere im Stall hatten oder ob ihnen Zugang zu Auslauf oder Weide gewährt wurde.

Gekennzeichnet werden fünf verschiedene Haltungsformen (siehe Infokasten), die sich in puncto Tiergerechtheit unterscheiden. Während "Stall" die gesetzlichen Mindestanforderungen darstellt, bildet "Bio" den höchstmöglichen Standard ab. Dazwischen gibt es Abstufungen.

Kontrolliert wird die Einhaltung der Haltungsbedingungen im Rahmen der amtlichen Überwachung durch die Behörden der Bundesländer.

Merkmale der fünf Haltungsformen

Logo zur Tierhaltungskennzeichnung

Stall: Die Haltung während der Mast erfolgt entsprechend der gesetzlichen Mindestanforderungen.

Stall+Platz: Den Schweinen steht mindestens 12,5 Prozent mehr Platz im Vergleich zum gesetzlichen Mindeststandard zur Verfügung. Die Buchten müssen über Raufutter, das zusätzlich zum Beschäftigungsmaterial gegeben wird, verfügen und sind durch verschiedene Elemente strukturiert. Dies können zum Beispiel Trennwände, unterschiedliche Ebenen, verschiedene Temperatur- oder Lichtbereiche sein.

Frischluftstall: Das Außenklima in jeder Bucht hat einen wesentlichen Einfluss auf das Stallklima. Die Schweine haben jederzeit Zugang zu unterschiedlichen Klimabereichen.

Auslauf/Weide: Den Schweinen steht ganztägig ein Auslauf zur Verfügung bzw. sie werden in diesem Zeitraum im Freien ohne festes Stallgebäude gehalten. Der Auslauf darf für die erforderliche Dauer der Reinigung oder kurzzeitig, soweit dies im Einzelfall aus Gründen des Tierschutzes zwingend erforderlich ist, reduziert werden.

Bio: Die Tierhaltung entspricht den Anforderungen der EU-Öko-Verordnung. Das bedeutet, die Schweine haben eine noch größere Auslauffläche und noch mehr Platz im Stall.

Quelle: bmel.de

Kennzeichnung vorerst auf die Mast beschränkt

Maßgeblich für die Kennzeichnung der Lebensmittel ist dem BMEL zufolge "die Haltungsform der Tiere während des sogenannten produktiven Lebensabschnittes". Beim Schweinefleisch ist das die Mast der Tiere. Vorgelagerte Bereiche der Schweinefleischerzeugung wie die Ferkelerzeugung und Ferkelaufzucht, werden in die Haltungskennzeichnung vorerst nicht miteinbezogen. Perspektivisch sollen laut BMEL aber auch diese Produktionsabschnitte Berücksichtigung finden.

Was unterscheidet das neue staatliche Tierhaltungskennzeichen von privaten Tierwohl-Labels?

Die Zahl an verschiedenen Labels für Fleisch im Handel ist groß. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher fragen sich daher, warum es noch ein weiteres braucht.

Anders als Tierwohl-Labels wie "NEULAND" oder "Für mehr Tierschutz", kennzeichnet das neue staatliche Tierhaltungskennzeichen lediglich den jeweiligen Ist-Zustand auf den Betrieben, verbindet also keine neuen Anforderungen an die Tierhaltung. Damit ist es am ehesten vergleichbar mit dem Label „Haltungsform“ des deutschen Lebensmittelhandels.

Der bedeutendste Unterschied des neuen Tierhaltungskennzeichens zu allen anderen Labels ist jedoch die Kennzeichnungspflicht. Während die bisherigen privaten Labels alle auf Freiwilligkeit setzen, muss das neue staatliche Tierhaltungskennzeichen– spätestens ab September 2025 – auf allen frischen Schweinefleischprodukten deutscher Herkunft abgebildet sein. Damit schafft die Bundesregierung einen verbindlichen Rahmen, der durch den Staat garantiert und kontrolliert wird.

Fleisch aus dem Ausland muss nicht gekennzeichnet werden

Informationen des BMEL zufolge wäre von Seiten der Bundesregierung eine verbindliche Kennzeichnung auch von importiertem Fleisch gewünscht gewesen. Sowohl EU-Recht als auch internationale Vereinbarungen im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) würden dies jedoch nicht zulassen, so das BMEL. Ausländischen Erzeugenden wird aber die Möglichkeit eröffnet, ihre Produkte freiwillig zu kennzeichnen.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher heißt das letztlich, egal, ob aus inländischer Erzeugung oder importiert: Ist ein Produkt mit dem staatlichen Tierhaltungskennzeichen gekennzeichnet, kann man sich darauf verlassen, dass die Angaben, die auf der Packung gemacht werden, verlässlich sind. Und sie werden von staatlicher Seite kontrolliert.

Ab wann ist mit ersten gekennzeichneten Produkten zu rechnen?

Wenngleich eine Kennzeichnung ab sofort möglich ist, wird es noch eine Weile dauern, bis Verbraucherinnen und Verbraucher die ersten gekennzeichneten Schweinefleischprodukte in den Kühltheken finden werden. Das liegt daran, dass das Tierhaltungskennzeichnungsgesetz eine zweijährige Übergangsfrist vorsieht. Spätestens ab September 2025 müssen aber die Schweinefleischprodukte im Handel gekennzeichnet sein.

Schweine in einem mit Stroh eingestreuten Auslauf.
Es besteht Hoffnung, dass durch die neue verpflichtende Tierhaltungskennzeichnung der Anteil tiergerechter Haltungsformen zunimmt.
Quelle: Countrypixel / stock.adobe.com

Staatliche Haltungskennzeichnung soll zu einer tiergerechteren Landwirtschaft beitragen

Die Einführung des verpflichtenden Tierhaltungskennzeichens könnte einen ähnlichen Effekt wie bei der Käfigeier-Diskussion in den 2000er-Jahren bewirken.

Als 2004 EU-weit die verpflichtende Eierkennzeichnung eingeführt wurde, listete ein großer Lebensmitteldiscounter im gleichen Jahr die Käfigeier aus dem Sortiment aus – mit der Folge, dass auch alle anderen großen Handelsunternehmen nachzogen. Dadurch ist die Bodenhaltung von Legehennen zum Standard in Deutschland geworden.

Übertragen auf Fleisch könnte das im Idealfall bedeuten, dass die verpflichtende Tierhaltungskennzeichnung einen Beitrag dazu leistet, den Wandel der Tierhaltung in Deutschland hin zu tiergerechteren Haltungsformen voranzutreiben.

Der gleiche große Lebensmitteldiscounter, der damals für die Auslistung der Käfigeier sorgte, hat bereits 2021 angekündigt, (Schweine)Fleisch aus dem Sortiment zu nehmen, das von Tieren stammt, die in geschlossenen Ställen gehalten werden. Bei der aktuell auf vielen Fleischpackungen vorzufindenden privatwirtschaftlichen Kennzeichnung „Haltungsform“ sind das die ersten beiden Stufen. Übertragen auf die staatliche Haltungskennzeichnung würde das bedeuten, dass die Haltungsformen "Stall" und "Stall+Plat" nicht mehr gelistet würden.

Andere große Handelsunternehmen haben inzwischen ähnliche Vorgehen angekündigt.

Kritik an der Tierhaltungskennzeichnung

Neben zahlreichen positiven gibt es auch einige kritische Stimmen zur neuen staatlichen Tierhaltungskennzeichnung.
So kritisieren verschiedene Verbraucher- und Tierschutzorganisationen in einem offenen Brief, dass die Haltungsform allein wenig darüber aussage, wie gut oder wie schlecht es den Tieren tatsächlich gehe. Das Problem sei nämlich, dass Tierschutzprobleme in allen Haltungsformen vorkämen.

Die Verbraucherzentrale Niedersachsen beschreibt die neue staatliche Tierhaltungskennzeichnung als einen ersten Schritt in die richtige Richtung, kritisiert jedoch, dass das Label "nur einen kleinen Ausschnitt im Leben der Tiere, nämlich die Mast" berücksichtige. Jungtieraufzucht, Sauenhaltung, Transport und Schlachtung zählten nicht dazu. Außerdem brauche es laut Verbraucherzentrale verbindliche Termine für die Erweiterung der Kennzeichnungspflicht auf verarbeitete Produkte, die Gastronomie sowie alle Nutztiere. Diese würden bislang nicht benannt.

Letzte Aktualisierung: 8. Januar 2024


Weitere Informationen

BMEL: Tierhaltungskennzeichnung

BMEL: Fragen und Antworten zur Einführung einer verpflichtenden staatlichen Tierhaltungskennzeichnung


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