Schweinehaltung: Warum geben immer mehr Betriebe auf?
Letzte Aktualisierung: 18. Dezember 2025
Die Schweinehaltung in Deutschland steckt in einer tiefen Krise. Immer mehr Betriebe geben auf – die Gründe dafür sind vielfältig.
In Kürze
- Über Jahrzehnte war die Schweinehaltung auf Wachstum, niedrige Produktionskosten und internationalen Wettbewerb ausgerichtet – ein Modell, das den heutigen Strukturwandel mit geprägt hat.
- Die Zahl der Schweinehaltungsbetriebe in Deutschland ist stark rückläufig; die Produktion konzentriert sich auf immer weniger und größere Höfe.
- Steigende Umwelt- und Tierschutzauflagen erhöhen den wirtschaftlichen Druck, insbesondere in der Sauenhaltung.
- Bürokratische Hürden, unklare politische Rahmenbedingungen und die fehlende Zahlungsbereitschaft der Verbraucherinnen und Verbraucher für mehr Tierwohl bremsen die Investitionsbereitschaft.
- Tierseuchen, Corona-Pandemie sowie fehlende Hofnachfolger und Fachkräfte verschärften die Situation zusätzlich.
Kaum ein anderer Bereich der Landwirtschaft befindet sich derzeit so stark im Umbruch wie die Schweinehaltung. Laut Statistischem Bundesamt gibt es in Deutschland nur noch rund 15.250 schweinehaltende Betriebe – das sind über 54 Prozent weniger als im Jahr 2010.
Die Zahl der gehaltenen Schweine ist im selben Zeitraum ebenfalls zurückgegangen, allerdings nicht so stark wie die Zahl der Betriebe. Das zeigt: Während einige Betriebe aufgeben, erhöht sich die Zahl der gehaltenen Tiere in anderen. Die Folge sind insgesamt weniger, aber größere Höfe. Hielten die Betriebe 2010 durchschnittlich noch etwa 900 Tiere, waren es 2025 rund 1.400.
Am stärksten betroffen ist die Sauenhaltung, also jener Bereich, aus dem die Ferkel für die spätere Mast stammen. Hier ist die Zahl der Betriebe zwischen 2010 und 2025 um rund 70 Prozent zurückgegangen. Doch auch die Schweinemast ist deutlich vom Strukturwandel betroffen. Seit 2010 hat sich die Zahl der Mastbetriebe mehr als halbiert.
Wie ist die Schweinehaltung organisiert?
Schweine werden in unterschiedlichen spezialisierten Betriebsformen gehalten – von der sogenannten Ferkelerzeugung bis zur Mast. Eine kompakte Übersicht über die Schweinefleischerzeugung in Deutschland finden Sie auf landwirtschaft.de unter: Schweinefleisch
Was sind die Gründe für die Krise?
Um die aktuelle Krise der Schweinehaltung zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die langfristige Entwicklung der Branche. Denn viele der Probleme, die die Branche heute belasten, sind nicht plötzlich entstanden, sondern über einen längeren Zeitraum gewachsen.
Über Jahrzehnte hinweg war die deutsche Schweinehaltung stark auf Wachstum, niedrige Produktionskosten und internationalen Wettbewerb ausgerichtet. Dieses Leitbild führte dazu, dass vor allem große Betriebe expandierten, während kleinere Familienbetriebe zunehmend unter Druck gerieten, sich spezialisierten oder ganz aufgaben.
Lange Zeit schien dieses Modell tragfähig: Deutschland entwickelte sich zu einem der größten Schweinefleisch-Exporteure weltweit. Doch der damit verbundene Strukturwandel hatte auch Schattenseiten – und prägt bis heute viele der Herausforderungen, mit denen Schweinehalterinnen und Schweinehalter zu kämpfen haben.
Umweltauflagen steigen
Mit dem Wachstum kamen neue Probleme. Wo die Tierhaltung immer stärker gebündelt wurde und die Bestände zunahmen, rückten Umweltprobleme mehr und mehr in den Vordergrund. So nahmen in verschiedenen Regionen die Belastungen mit Nitrat und Ammoniak infolge des steigenden Gülleanfalls deutlich zu.
Daraus folgten strengere gesetzliche Anforderungen an die Betriebe. Vor allem die neue Düngeverordnung verschärfte die Vorgaben zur Lagerung und Ausbringung von Gülle. In Regionen mit hoher Tierdichte durften die Betriebe aufgrund strengerer Nährstoffobergrenzen und zusätzlicher Auflagen nicht mehr so viel Gülle auf ihren Flächen ausbringen wie zuvor. Viele waren gezwungen, überschüssige Mengen kostspielig abzutransportieren – ein Aufwand, der die wirtschaftliche Belastung weiter erhöhte.
Quelle: landpixel.de
Höhere Tierschutzanforderungen
Gleichzeitig nahm die gesellschaftliche Kritik an der intensiven Tierhaltung zu. Forderungen nach mehr Tierwohl wurden lauter, besonders mit Blick auf die Schweinehaltung. Dies führte zu konkreten politischen Maßnahmen. So trat 2021 das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration in Kraft, zudem wurden neue Vorgaben für die Haltung von Sauen beschlossen.
Die neuen Anforderungen in der Sauenhaltung betreffen die sogenannten Kastenstände im Deckzentrum und im Abferkelbereich. Sie stellen die Betriebe vor große Herausforderungen, denn sie machen in vielen Fällen umfangreiche und teure Umbaumaßnahmen notwendig.
Zu den genannten Änderungen kamen in den folgenden Jahren dann noch weitere gesellschaftliche Erwartungen in Sachen Tierwohl – etwa ein größeres Platzangebot, strukturierte Stallbereiche oder zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten. Diese Punkte sind gesetzlich bislang nicht verpflichtend, spielen jedoch in Tierwohlprogrammen und Vermarktungskonzepten eine immer größere Rolle.
Afrikanische Schweinepest und Corona verschärfen die Lage
In diese ohnehin schon angespannte Phase fielen weitere Krisen, die die Situation der Schweinehalterinnen und -halter zusätzlich verschärften. Allen voran der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest im Jahr 2020, der deutsche Erzeugerbetriebe auf einen Schlag wichtige Exportmärkte kostete.
Viele Importländer, darunter besonders China, verhängten damals ein sofortiges Einfuhrverbot für deutsches Schweinefleisch. Große Mengen, die normalerweise dorthin exportiert worden wären, mussten somit plötzlich auf dem europäischen Markt abgesetzt werden – die Preise brachen ein, viele Erzeuger machten über Monate Verluste.
Fast gleichzeitig kam es während der Corona-Pandemie zu massiven Störungen in der Schlachtung. In mehreren großen Schlachtbetrieben wurde der Betrieb wegen hoher Infektionszahlen zeitweise eingeschränkt oder ganz gestoppt. Die Folge: Hundertausende von Schweinen konnten nicht rechtzeitig abgeholt werden, stauten sich in den Ställen und überschritten ihre Schlachtgewichte.
Für die Landwirtinnen und Landwirte bedeutete das steigende Futterkosten, Platzprobleme und eine enorme organisatorische Belastung – bei gleichzeitig sinkenden Erzeugerpreisen. Zusätzlich wirkte sich der nahezu zum Erliegen gekommene Außer-Haus-Verzehr – etwa in Restaurants, Kantinen oder auf öffentlichen Festen – deutlich negativ auf die Nachfrage aus, was den ohnehin starken Preisverfall weiter verstärkte.
Quelle: BLE
Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 kamen weitere Belastungen hinzu. Die Preise für Futtermittel, Energie und Düngemittel stiegen sprunghaft an und verschärften die wirtschaftliche Lage vieler Betriebe zusätzlich. Diese Kostenexplosion traf die Betriebe in einem Moment, in dem die Erlöse weiterhin gering waren und sie kaum mehr Spielräume hatten, die gestiegenen Aufwendungen über höhere Verkaufspreise auszugleichen.
Die Summe der Belastungen dieser Jahre haben den ohnehin laufenden Strukturwandel erheblich beschleunigt. Viele Betriebe, die schon länger über einen Ausstieg nachdachten, gaben in dieser Zeit endgültig auf.
Die Zukunft bleibt ungewiss
2023 erholte sich die Marktlage für die deutschen Schweineerzeuger kurzzeitig. Diese Entlastung hielt jedoch nicht lange an. Daher blicken viele Betriebe mit großer Unsicherheit auf die kommenden Jahre. Das zeigt auch eine aktuelle Befragung der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) – einem bundesweiten Zusammenschluss von Schweinehalterinnen und -haltern, der regelmäßig die Stimmung und Erwartungen in der Branche erhebt. Laut der ISN-Umfrage von 2025 planen nur noch rund 65 Prozent der Schweinemast- und 56 Prozent der Ferkelerzeugungsbetriebe, in den kommenden zehn Jahren überhaupt weiterzumachen.
Fehlende Planungssicherheit bremst Investitionen
Als zentralen Grund dafür geben die meisten der Befragten fehlende Planungssicherheit an. Viele Landwirtinnen und Landwirte stehen vor der Frage, ob sie in den Umbau ihrer Ställe investieren sollen – etwa in tiergerechte Deckzentren oder Abferkelbereiche. Solche Umbauten sind teuer und technisch anspruchsvoll. Gleichzeitig wissen die Betriebe aber häufig nicht, ob die politischen Vorgaben wirklich langfristig Bestand haben, ob zusätzliche Anforderungen folgen oder ob sich die Investitionen jemals durch höhere Erlöse auszahlen werden.
Genehmigungsverfahren als Belastungsprobe
Hinzu kommt die als hoch belastend empfundene Genehmigungsbürokratie. Bis ein Stall neu gebaut oder umgebaut werden darf, müssen zahlreiche Auflagen erfüllt, Gutachten eingeholt und Anträge geprüft werden. Die Verfahren gelten als langwierig und schwer planbar. Viele Betriebe berichten, dass die Unsicherheit über die Dauer und das Ergebnis solcher Verfahren Investitionsentscheidungen zusätzlich erschwert.
Personalmangel und fehlende Nachfolge
Auch die Arbeits- und Nachfolgesituation spielt eine immer größere Rolle. Laut Annika Frank, Expertin für Schweinehaltung an der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, fehlt es vielen Höfen an qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Oftmals sei auch unklar, ob überhaupt jemand aus der Familie die Schweinehaltung übernehmen möchte. “Die hohen Anforderungen und die unsicheren Aussichten schrecken mögliche Hofnachfolgerinnen und -nachfolger oft ab”, so Frank weiter. Gerade in Kombination mit sanierungsbedürftigen Ställen führe das für viele Betriebe zur Aufgabe.
Quelle: landpixel.de
Hohe Erwartungen, aber geringe Zahlungsbereitschaft
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist laut Frank der zunehmende Druck, höhere Tierwohlstandards umzusetzen. “Die Gesellschaft fordert mehr Platz, Auslauf, Frischluft, strukturierte Ställe und Einstreu – alles Punkte, die von vielen Landwirtinnen und Landwirten grundsätzlich befürwortet werden”, erklärt Frank. Gleichzeitig sei aus ihrer Sicht ein zentrales Problem aber ungelöst: “Viele Verbraucherinnen und Verbraucher wünschen sich mehr Tierwohl, aber die Zahlungsbereitschaft ist weiterhin gering. Das führt dazu, dass höhere Standards nicht automatisch besser bezahlt werden.”
Die Folge sei eine Finanzierungslücke: Die Anforderungen steigen Jahr für Jahr – die Einnahmen aber nicht. “Für viele Betriebe ist das die größte Herausforderung”, so Frank. “Sie sollen modernisieren, müssen aber mit denselben Preisen arbeiten wie vorher.”
Der große Tierwohlumbau bleibt ungeklärt
Ein grundlegendes Problem liegt auch darin, dass der Branche für den geplanten Umbau zu höheren Tierwohlstandards bislang ein tragfähiger politischer Rahmen fehlt. Weder ist klar definiert, wie der Wandel organisatorisch umgesetzt werden soll, noch wie er langfristig finanziert werden kann.
Detaillierte Konzepte dazu liegen seit Jahren auf dem Tisch – etwa die Vorschläge der sogenannten Borchert-Kommission oder der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL). Beide Gremien hatten betont, dass höhere Tierwohlstandards nur dann realistisch sind, wenn sie verlässlich finanziert werden und die Betriebe langfristige Planungssicherheit erhalten. Die Grundidee: Wenn die Gesellschaft mehr Tierwohl möchte, darf die Umsetzung nicht allein den Landwirtinnen und Landwirten überlassen bleiben.
Umgesetzt wurden diese Vorschläge bislang nicht, sodass die Betriebe weiter verlässliche Rahmenbedingungen fordern und sich über Verzögerungen, vertagte Entscheidungen und Richtungswechsel beklagen, die ihnen das Treffen wichtiger Zukunftsentscheidungen erschweren.
Was Betriebe jetzt brauchen: Verlässliche Regeln und faire Bezahlung
“Wer in höhere Haltungsformen investieren soll, braucht verlässliche politische Rahmenbedingungen und langfristige Verträge des Lebensmitteleinzelhandels mit entsprechenden Zuschlägen”, sagt Annika Frank. Nur so ließen sich die hohen Investitionen und laufenden Mehrkosten überhaupt stemmen. Solange diese Verlässlichkeit fehlt, bleibt für viele Betriebe offen, wie sie die gewünschten Verbesserungen in der Tierhaltung finanzieren und organisieren sollen - und genau deshalb steht die Zukunft der Schweinehaltung weiterhin auf wackligen Beinen.
Weitere Informationen
bmel-statistik.de: Schweinehaltung
Thünen-Institut: Steckbriefe zur Tierhaltung in Deutschland – Ferkelerzeugung und Schweinemast
