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Antibiotika in der Nutztierhaltung

Bestimmte Krankheiten lassen sich immer schlechter behandeln, da die verursachenden Bakterien Resistenzen gegen Antibiotika entwickelt haben.

Medikamentenschrank eines Tierarztes
Tierärzte dürfen eine eigene Hausapotheke führen.
Quelle: landpixel.de

Multiresistente Bakterien sind unempfindlich gegenüber vielen, im schlimmsten Fall sogar allen Antibiotika, und verursachen zahlreiche Todesfälle. Allein in Europa sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO jährlich etwa 25.000 Menschen in Folge einer Antibiotikaresistenz. Ein zu sorgloser Umgang mit Antibiotika sowohl in der Humanmedizin als auch in der landwirtschaftlichen Tierhaltung hat zur Ausbreitung von Resistenzen beigetragen.  

Was sind Reserveantibiotika?

Die meisten heute eingesetzten Antibiotika wurden in den 1980- und 1990er Jahren zugelassen. Es werden aber auch neue antibiotische Wirkstoffe entwickelt, gegen die Bakterien noch nicht resistent sind. Diese neueren Antibiotika werden gerne bei Infektionen eingesetzt, die von resistenten Bakterien verursacht werden. Sie werden deshalb auch Reserveantibiotika genannt. Um Resistenzen zu vermeiden, sollen sie bei der normalen Therapie von Infektionskrankheiten nicht genutzt werden. Zurzeit wird an einer Liste von Reserveantibiotika gearbeitet, die nur für den Menschen und nicht für Tiere vorgesehen sind.

In der Humanmedizin wurden und werden Antibiotika häufig falsch eingesetzt – z.B. bei Erkältungskrankheiten. Diese werden in der Regel durch Viren verursacht. Gegen Viren sind Antibiotika aber wirkungslos. In der Nutztierhaltung wurden Antibiotika früher nicht nur zur Behandlung von bakteriellen Erkrankungen verwendet, sondern auch als Wachstums- und Leistungsförderer ins Futter gemischt. Seit 2006 sind solche Fütterungsantibiotika in der EU jedoch verboten. Sowohl in der Human- wie auch in der Veterinärmedizin wurden seitdem die Bemühungen verstärkt, Antibiotika sparsamer und gezielter einzusetzen.

Wie werden Antibiotika in der Nutztierhaltung eingesetzt?

Antibiotika dürfen nur zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden und nicht vorbeugend. Verbesserte Haltungsbedingungen und strenge Hygienrichtlinien sollen verhindern, dass Nutztiere krank werden. Eine geringere Krankheitsanfälligkeit ist auch ein wichtiges Zuchtziel. Zudem können die Tiere gegen viele Krankheiten geimpft werden. Wird ein Tier dennoch krank, muss es aber schon alleine aus Tierschutzgründen behandelt werden. 

Für den Einsatz von Medikamenten (nicht nur Antibiotika) bei Lebensmittel liefernden Tieren gibt es strenge Vorschriften. Denn anders als bei Hobbytieren kann es zu Arzneimittelrückständen in Lebensmitteln kommen. Daher wird der Einsatz umfangreich dokumentiert und es gibt für alle Medikamente Wartezeiten, die nach der letzten Medikamentengabe einzuhalten sind, ehe Fleisch, Milch und Eier wieder als Lebensmittel zugelassen werden können. 

Was wird getan, um den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung zu reduzieren?

Die „Leitlinien für den sorgfältigen Umgang mit antibakteriell wirksamen Tierarzneimitteln“ bilden die Richtschnur für die Verwendung von Antibiotika in der Tierhaltung. Sie wurden im Jahr 2000 erstmals veröffentlicht und liegen seit 2015 in der dritten Auflage vor. Ihnen zufolge soll beispielsweise bei wiederholtem oder längerfristigem Einsatz von Antibiotika der Erreger nachgewiesen werden. Auch soll im Labor eine Arzneimittelempfindlichkeitsprüfung erstellt werden – ein sogenanntes Antibiogramm. 

Seit dem 2. Februar 2018 ist das auch gesetzlich festgeschrieben. Die neuen Regeln für die tierärztliche Hausapotheke schreiben unter bestimmten Voraussetzungen die Erstellung eines solchen Antibiogramms vor, um zu prüfen, welches Antibiotikum gegen die krankheitsverursachende Bakterien wirksam ist.

Tierärztliche Hausapotheke

Anders als in der Humanmedizin dürfen Tierärztinnen und -ärzte eine eigene Apotheke führen und Arzneimittel an Tierbesitzer verkaufen. Allerdings nur die jeweils erforderliche Arzneimittelmenge für eine bestimmte Erkrankung und nicht auf Vorrat.

Die wichtigste Säule der Minimierungsstrategie der Bundesregierung ist das am 1. April 2014 in Kraft getretene Antibiotika-Minimierungskonzept der 16. Novelle des Arzneimittelgesetzes (AMG). Damit soll der Verbrauch von Antibiotika in der Nutztierhaltung auf das therapeutisch unverzichtbare Mindestmaß verringert werden. Jeder landwirtschaftliche Betrieb, der Rinder, Schweine, Hühner oder Puten mästet, muss halbjährlich melden, wie häufig er Antibiotika bei seinen Tieren einsetzt. Diese Daten werden in der zentralen staatlichen HIT-Datenbank  gesammelt. 

Aus diesen Daten ermittelt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) deutschlandweit gültige Kennzahlen über den Antibiotikaeinsatz. Es werden statistische Durchschnittswerte berechnet und die 25 Prozent der Betriebe, die deutschlandweit am meisten Antibiotika eingesetzt haben, verpflichtet, gemeinsam mit Ihrer Tieräztin oder ihrem Tierarzt beim Veterinäramt einen schriftlichen Plan einzureichen, mit welchen Maßnahmen sie den Einsatz von Antibiotika in Zukunft reduzieren wollen. 

Wie hat sich der Antibiotikaverbrauch entwickelt? 

Diese Maßnahmen haben dazu beigetragen, den Antibiotikaverbrauch in der Veterinärmedizin zu verringern. Von 2011 bis 2016 hat sich die jährliche Abgabemenge von Antibiotika an Tierärztinnen und Tierärzte mehr als halbiert. Wurden 2011 noch 1.706 Tonnen an Veterinäre abgegeben, waren es 2016 nur noch 742 Tonnen. Allerdings ist die Menge der abgegebenen Antibiotika aus der Wirkstoffklasse der Fluorchinolone im selben Zeitraum um 13 Prozent gestiegen. Diese Antibiotikaklasse ist für die Therapie beim Menschen von besonderer Bedeutung.


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