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Wie oft werden tierhaltende Betriebe kontrolliert?

Alle landwirtschaftlichen Tierhalterinnen und Tierhalter in Deutschland müssen die geltenden Tierschutzbestimmungen einhalten. Doch wie oft wird kontrolliert? Und wie häufig werden Verstöße festgestellt?

Staatliche Behörden müssen kontrollieren, ob das Tierschutzrecht auf Tierhaltungsbetrieben eingehalten wird. Welche Betriebe kontrolliert werden, entscheidet das zuständige Veterinäramt.
Quelle: tomazl via Getty Images

Immer wieder berichteten die Medien über gravierende Tierschutz-Verstöße auf landwirtschaftlichen Tierhaltungsbetrieben. Aufgedeckt werden solche Verstöße häufig durch Tierschutzorganisationen, die diese Vergehen mit Bildern und Videos dokumentieren.

Viele Menschen fragen sich, warum es immer wieder zu solchen Aufnahmen kommen kann. Sind die Probleme in der landwirtschaftlichen Tierhaltung tatsächlich so gravierend? Oder handelt es sich dabei, wie häufig behauptet wird, um schwarze Schafe? Wie häufig werden landwirtschaftliche Betriebe eigentlich kontrolliert und wie oft werden dabei Verstöße festgestellt?

Muss Tierschutz kontrolliert werden?

Ja. Staatliche Behörden müssen kontrollieren, ob das Tierschutzrecht auf Tierhaltungsbetrieben eingehalten wird. So schreibt es eine EU-Verordnung vor, an die sich alle Mitgliedsstaaten halten müssen. Darin steht, dass diese Kontrollen ohne Vorankündigung erfolgen müssen und dass die Behörden ausreichend qualifiziertes und erfahrenes Personal dafür bereitstellen müssen.

Wer muss kontrollieren?

Zuständig für die Kontrolle und die Durchsetzung des Tierschutzrechts sind in Deutschland die Länder. Hier legt das jeweils zuständige Veterinäramt fest, welche Betriebe kontrolliert werden. Dabei gehen die Veterinäre risikoorientiert vor. Das heißt sie prüfen anhand der ihnen vorliegenden Daten, welche Betriebe in irgendeiner Form auffällig geworden sind. Diese Betriebe werden dann in erster Linie geprüft. Manchmal besteht auch vorher schon ein Verdacht auf einen Verstoß gegen tierschutzrechtliche Bestimmungen

Wie häufig wird kontrolliert?

Nach Angaben der Bundesregierung wird die Einhaltung von Tierschutzbestimmungen auf landwirtschaftlichen Betrieben im Durchschnitt nur alle 17 Jahre kontrolliert.
Quelle: landpixel.de

Wie häufig die Behörden ihrer rechtsverbindlichen Kontrollpflicht nachkommen und wie häufig Verstöße auftreten, war Gegenstand einer Kleinen Anfrage, die die Fraktionen der FDP und der Grünen 2018 an die Bundesregierung richteten.

Die Antwort darauf war für viele ernüchternd: So zeigten die Zahlen der Jahre 2009 bis 2017, dass Betriebe in Deutschland im Durchschnitt nur etwa alle 17 Jahre kontrolliert werden. Tierhalter in Schleswig-Holstein bekamen rechnerisch nur alle 37,3 Jahre Besuch vom Amtstierarzt, solche in Bayern sogar nur alle 48,1 Jahre.

Die Antwort der Bundesregierung ergab überdies, dass 2017 auf rund 5 Prozent aller kontrollpflichtigen Betriebe Kontrollen durchgeführt wurden. Bei diesen 29.845 amtlichen Tierschutzkontrollen kam es zu 6.127 Beanstandungen. Das heißt auf mehr als jedem fünften Hof stellten die Kontrolleure Mängel fest. 

Tierschützer und Wissenschaft fordern mehr und effektivere Kontrollen

Die Tierschützerinnen und Tierschützer, die schon seit Jahren auf Missstände in Tierhaltungsbetrieben hinweisen, sahen sich durch diese Zahlen bestätigt: Es sei kein Wunder, dass immer wieder Fälle aufgedeckt würden, wenn nur so selten kontrolliert wird. Sie fordern daher, dass die Kontrolldichte deutlich erhöht wird. Nach Meinung vieler Tierschutzorganisationen sollten die Betriebe mindestens einmal im Jahr auf die Einhaltung von Tierschutzstandards kontrolliert werden.

Aber nicht nur Tierschutzverbände sehen Handlungsbedarf. Auch der Wissenschaftliche Beirat des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft hatte schon 2015 in seinem Gutachten „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“ häufigere und bessere Kontrollen zum Tierschutz empfohlen.

Landwirtschaftsverbände erwidern: Tierschutzkontrolle ist nicht die einzige Überwachungsinstanz

Bei Masthühnern kommt der amtliche Tierarzt regelmäßig zur Lebendtierbeschau vorbei.
Quelle: BLE

Landwirtschaftliche Interessenverbände halten indes dagegen, dass die Vor-Ort-Kontrollen der Veterinärämter nicht als einziger Bewertungsmaßstab für den Tierschutz herangezogen werden dürfen. So wies der niedersächsische Landvolkpräsident Albert Schulte to Brinke darauf hin, dass es noch weitere Überwachungsinstanzen gebe: Dazu zählten beispielswiese die Cross Compliance-Kontrolleure der Landwirtschaftskammer und die verschiedenen Kontrolleure der Qualitätssicherungssysteme wie Initiative Tierwohl, QS oder QM Milch.

Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft betont, dass in der Geflügelhaltung ausnahmslos jeder Durchgang im Stall von einem Amtsveterinär überprüft werde. Im Rahmen dieser „Lebendtierbeschau“ gebe es in der Hähnchenhaltung rund sieben bis acht amtliche Kontrollen pro Jahr. 

Veterinärämter beklagen Personalmangel

Viele Veterinärämter würden der Forderung nach einer höhere Kontrolldichte gerne nachkommen. Ihnen fehlt es aber schlichtweg an Personal, um häufiger und umfassender zu kontrollieren. Laut Holger Vogel, Präsident des Bundesverbandes der beamteten Tierärzte (BbT) fehlen bundesweit rund 2.000 Stellen, um den zusätzlichen Anforderungen nachkommen zu können.

Politik reagiert

Bund und Länder haben erkannt, dass etwas passieren muss: Das Bundeslandwirtschaftsministerium forderte daher bereits 2018 bessere Tierschutzkontrollen. Da dies jedoch Ländersache ist, mahnte Ministerin Klöckner die Kolleginnen und Kollegen auf Landesebene, die Defizite bei den Kontrollen in den Ställen zu beheben. Dafür müssen entsprechende Strukturen sowie personelle und finanzielle Ausstattungen geschaffen bzw. gestärkt werden.

Einige Länder haben inzwischen reagiert. So kündigten zum Beispiel Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen an, mehr Stellen für die Tierschutzkontrolle einzurichten. Außerdem soll die Kontrolle effektiver werden. Nordrhein-Westfalen will dafür eine neue Tiergesundheitsdatenbank einrichten. Dieses Informationssystem soll vorhandene Daten aus der Überwachung sowie Informationen zu Schlachtbefunden zusammenführen und als Frühwarnsystem zur Verbesserung der Tiergesundheit dienen. Mit Hilfe dieser Daten sollen auch Tierhalterinnen und Tierhalter frühzeitig über mögliche Fehlentwicklungen informiert werden können.

Im Ökolandbau wird mehr kontrolliert

Ökologisch wirtschaftende Betriebe werden mindestens einmal im Jahr von einer unabhängigen Kontrollstelle überprüft.
Quelle: Dominic Menzler - BLE

Im Ökolandbau gelten nicht nur strengere Regeln. Die höheren Anforderungen an die Tierhalterinnen und Tierhalter werden auch mindestens einmal im Jahr von einer unabhängigen Kontrollstelle überprüft. Das ist in der EU-Öko-Verordnung so geregelt. Noch strenger als die EU-Öko-Verordnung sind die Anforderungen der Öko-Anbauverbände.

Die Verbände Bioland, Naturland, Biokreis und Gäa führen darüber hinaus einmal jährlich eine Tierwohlkontrolle auf den Betrieben durch. Demeter macht dies stichprobenartig. Regelmäßig kontrolliert werden auch Betriebe, die sich freiwillig einer der zahlreichen Tierschutz-Initiativen wie NEULAND, „Für mehr Tierschutz“ (Deutscher Tierschutzbund) oder der Initiative Tierwohl angeschlossen haben. Hier finden die Kontrollen mindestens einmal jährlich statt.

Wie läuft es im benachbarten Ausland?

Auch in Österreich sind die Kontrollintervalle sehr groß: Gesetzlich vorgeschrieben ist dort, dass gerade mal zwei Prozent aller tierhaltenden Betriebe einer risikoorientierten Kontrolle unterzogen werden. Das heißt, es besteht in Österreich rein rechnerisch nur alle 50 Jahre die Chance, dass ein Betrieb kontrolliert wird.

In der Schweiz wird dagegen sehr viel häufiger kontrolliert: Hier ist es Vorschrift, dass landwirtschaftliche Tierhaltungen alle vier Jahre im Bereich Tierschutz überprüft werden. Mindestens ein Zehntel der Kontrollen müssen unangemeldet erfolgen. Berichten des Schweizerischen Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen zufolge, wurden im Jahr 2018 auf rund einem Viertel aller tierhaltenden Höfe Grundkontrollen durchgeführt, davon seien 35 Prozent unangemeldet erfolgt.


Weitere Informationen

Praxis-agrar.de: Tierschutzinitiativen im Überblick

Antwort des Niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz auf die Kleine Anfrage der Grünen zu Tierschutzkontrollen in der Landwirtschaft (18/1273)

Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der FDP zum Vollzug von Tier- und Verbraucherschutzrecht (19/3195)


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