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Unterwegs mit dem Schäfer

In Deutschland gibt es nur noch weniger als 1.000 Schäfer. Denn Schafhaltung im Haupterwerb wirtschaftlich zu betreiben, wird immer schwerer. 

Schafer mit Hunden und Schafherde
Schäfer Knut Kucznik mit seinen Hunden und seiner Herde
Quelle: Cordula Möbius

"Der Winter ist für mich die schönste Zeit des Jahres. Dann kann ich ein stolzer und freier Mensch sein. Und dafür bin ich Schäfer geworden", erklärt Schäfermeister Knut Kucznik. Raschelnd bewegen sich seine Schafe über einen Acker in der Nähe von Altlandsberg (Land Brandenburg). Es sind gut bemuskelte Tiere der Rasse Schwarzköpfiges Fleischschaf. Diese Rasse wurde speziell für die Erzeugung von Fleisch gezüchtet. Ungefähr 450 Mutterschafe zählt die Herde von Knut Kuczink. Dazu kommen noch einige Lämmer, ein paar Ziegen und ein Schafbock.

Wie Schäfer und Ackerbauern voneinander profitieren

Die Saat, über die der Schäfer zieht, ist schon gut aufgegangen. Viele Pflänzchen liegen platt auf der Erde. Wenn es jetzt schneien würde, verfaulen die Triebe. Das verhindert der Schäfer, indem er seine Tiere hier fressen und den Pflanzenbestand ausdünnen lässt. Mit ihrem sprichwörtlichen goldenen Tritt geben die Schafe den Pflanzenwurzeln Schluss zur Erde. Sie zerbeißen die Sämereien an der Oberfläche und unterstützen so den Austrieb im Frühjahr.

Für die Beweidung der Flächen hat Knut Kucznik eine Vereinbarung mit Ackerbaubetrieben aus dem Umland von Altlandsberg getroffen, die zum Vorteil beider Parteien ist: Der Schäfer erhält eine kostenlose Winterweide für seine Schafe, dafür rettet er den Bauern die Saat, und zwar ganz ohne Chemie.

Arbeit mit dem Seziermesser nennt Knut Kucznik das, was er und seine Schafe auf den Flächen der Ackerbauern tun. Er muss genau arbeiten. Die Tiere sollten so viel fressen, dass sie die Fläche gut ausdünnen, beschädigen dürfen sie diese aber nicht. Daher hat er seine Herde ständig im Auge und schaut, wohin sie zieht.

Schäfer mit Hunden und Schafherde
Ein Schäfer ist mit seinen Hunden und seiner Herde auf Wanderschaft.
Quelle: Bergringfoto - stock.adobe.com

Gemeinsam mit seinen Hunden gibt er den Tieren die Richtung vor. Die Hündin Tigger und der Rüde Karl, zwei Altdeutsche Hütehunde, spulen unermüdlich ihr Programm ab. Sie wissen fast von selbst, was zu tun ist. Wenn ein Schaf abtrünnig werden will, mahnen sie es zur Ordnung. Am Ende des Tages lässt Knut Kucznik seine Herde für einige Minuten auf einem abgeernteten Maisacker weiden, denn die umherliegenden Körner geben seinen Tieren Energie.

Schäfer als Naturschützer

In den Wintermonaten, von Anfang November bis Ende März, zieht Knut Kucznik jeden Tag über die Felder. Mit der Lammzeit im April ändert sich das. Neue Aufgaben warten. In den Naturschutzgebieten "Wegendorfer Mühlenfließ", "Neuenhagener Mühlenfließ" und "Langes Elsenfließ" pflegt er während der Vegetationszeit 60 Hektar Trockenrasen und 110 Hektar Niedermoor im so genannten Vertragsnaturschutz.

Auf den Flächen gedeiht der Große Wiesenknopf, die spezielle Futterpflanze des Dunklen und des Hellen Wiesenknopf-Ameisenbläulings, zweier streng geschützter Schmetterlingsarten. Damit die seltene Sumpfblume gut wachsen kann, muss Knut Kucznik bestimmte Handlungsauflagen erfüllen, für deren Durchführung er honoriert wird. Die Schafe müssen so "arbeiten", dass sie unerwünschte Pflanzen kurzhalten und optimale Bedingungen für den Großen Wiesenknopf schaffen. Vom Schäfer erfordert das auch botanische Kenntnisse.

Die Herde wird in dieser Zeit in sechs Gruppen aufgeteilt, die an verschiedenen Standorten in den Naturschutzgebieten weiden. "Dazu muss ich die Tiere in Koppeln halten, denn es ist unmöglich, sechs Herden gleichzeitig zu hüten", sagt Knut Kucznik. Den ganzen Sommer über ist er mit dem Umtreiben und Umkoppeln der Schafe beschäftigt. Das macht den Vertragsnaturschutz sehr aufwändig. "Doch die Arbeit wird besser entlohnt als andere landschaftspflegerische Tätigkeiten." Und sie bringt aufgrund ihres Erfolgs auch Freude. Der Große Wiesenknopf gedeiht prächtig und die Schmetterlingspopulation hat sich wieder stabilisiert.

Klasse statt Masse

Damit er von seinen Schafen leben kann, stellte Knut Kucznik seinen Betrieb auf mehrere Standbeine: Neben den Geldern aus dem Vertragsnaturschutz erzielt er Einnahmen aus dem Verkauf der Lämmer. Den überwiegenden Teil seiner 800 Tiere (pro Jahr) vermarktet er zur Schlachtung. Nicht unerheblich ist auch der Ertrag, den die Zuchttiere einbringen. Seit 15 Jahren züchtet der Altlandsberger Schäfer nämlich auch. Fast alle Mutterschafe seiner Herde sind im Herdbuch des Schafzuchtverbandes Berlin Brandenburg eingetragen. Ungefähr 250 Euro gibt es pro Tier, bei 150 vermarkteten Zuchtlämmern sind das rund 37.500 Euro.

Seit 15 Jahren, seitdem der Wolf in Brandenburg wieder heimisch ist, widmet sich Kucznik auch der Zucht von Herdenschutzhunden. Derzeit leben 28 Pyrenäenberghunde auf seinem Areal. Er bildet die Tiere aus und verkauft sie an andere Schäferkolleginnen und -kollegen. Zu guter Letzt hält er auf seinem Betrieb auch einige Wasserbüffel. Mit diesen Tieren beweidet und pflegt er extrem nasse Standorte (z.B. Niedermoore). Wasserbüffel sind ruhig und genügsam und kommen dort zum Einsatz, wo Schafe an ihre Grenzen stoßen.

Was Schäfer zum Überleben brauchen

Knut Kucznik kommt mit seiner Schäferei dank der verschiedenen, sehr arbeitsintensiven Standbeine ganz gut über die Runden. Anderen Berufskollegen fällt dies schwerer. Um überleben zu können, sind Schäferinnen und Schäfer auf Zahlungen für erbrachte Agrarumwelt- und Klimaleistungen angewiesen – ein Instrument der EU-Agrarpolitik zur Erreichung von Umweltzielen. Auf diesem Wege werden Schäferinnen und Schäfer dafür honoriert, dass sie mit ihrer Arbeit natürliche Lebensräume von Pflanzen und Tieren bewahren, den Boden vor Wasser- und Winderosion schützen, vorbeugenden Hochwasserschutz betreiben und die Kulturlandschaft pflegen.

Die Gelder erhalten Schäfer über die jeweiligen Förderprogramme der Bundesländer, in die auch finanzielle Mittel der Europäischen Union und des Bundes fließen. Der Schäfer muss sie beantragen und nachweisen, dass er bestimmte Richtlinien zur Förderung erfüllt. Diese sind in jedem Bundesland unterschiedlich.

In einem durchschnittlichen Schafbetrieb in Brandenburg machen Zahlungen aus Förderprogrammen ca. 70 Prozent der Einnahmen aus, nur ca. 30 Prozent werden aus dem Verkauf der Lämmer erwirtschaftet. Für Betriebe mit etablierter Direktvermarktung bleibt zumindest die Erzeugung von Schafmilch und Schafmilchprodukten eine interessante Nische. Doch viele Schäferinnen und Schäfer können sich selbst noch nicht einmal den Mindestlohn auszahlen. Und weil das Geld für Angestellte nicht ausreicht, sind ständige Überstunden die Regel. "Da ist es kein Wunder, dass heute keiner mehr diesen Beruf erlernen will", sagt Knut Kucznik.

So hat die traditionelle Schäferarbeit sehr an Bedeutung verloren und gerät immer mehr in Vergessenheit. Wanderschäfer wie Knut Kucznik gibt es kaum noch. Und weil die Woll- und Lammfleischpreise weiter zurückgehen und es immer schwieriger wird, gute Weiden zu pachten, verschwinden immer mehr Betriebe mit Schafhaltung von der landwirtschaftlichen Bildfläche.

Eine Entwicklung, die Knut Kucznik nicht hinnehmen will. Er setzt sich für die Rechte von Schäfern und Hirten ein und ist sich sicher: "Deutschland wird es wirklich spüren, wenn wir Schäfer nicht mehr sind. Denn wir schützen Wasser, Luft und Boden. Indem wir das Dauergrünland pflegen, erhalten wir dessen Funktion als Schadstofffilter für das Grundwasser. Mit unseren Schafen pflegen wir die Deiche an den Küsten und verhindern Lawinenabgänge in den Gebirgen. Und wir tragen dazu bei, die Artenvielfalt in seltenen Biotopen zu erhalten."


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