Werden Algen auch bei uns erzeugt?
Letzte Aktualisierung: 9. September 2026
Die Kultivierung von Algen ist in Asien schon lange ein etabliertes Geschäft. In Deutschland steht dieser Produktionsbereich noch ganz am Anfang.
Quelle: Ralf Lüttmann, Landwirtschaftskammer Niedersachsen
In Kürze
- Algen sind effiziente Sauerstoffproduzenten – jedes zweite Sauerstoffmolekül in der Luft stammt aus ihrer Photosynthese.
- Makroalgen dominieren weltweit die Produktion, während Mikroalgen nur einen kleinen Teil der global erzeugten Algenmenge ausmachen.
- Deutschland produziert vor allem Mikroalgen, insbesondere Spirulina und Chlorella.
- Offene und geschlossene Kultivierungssysteme kommen zum Einsatz – je nach Algenart, Kosten und Empfindlichkeit der Alge.
Die Nachfrage nach Algen hat in den letzten Jahren zugenommen. Gründe dafür sind neue Verwendungsmöglichkeiten und der zunehmende Einsatz in Lebensmitteln, Nahrungsergänzungsmitteln und Kosmetika. Einige landwirtschaftliche Erzeugerinnen und Erzeuger haben diesen Trend aufgegriffen und sich mit der Erzeugung von Algen ein neues Geschäftsfeld aufgebaut.
Doch was sind Algen überhaupt und wofür verwendet man sie? Wie werden sie kultiviert und warum interessieren sich gerade Landwirtinnen und Landwirte für deren Erzeugung?
Was sind Algen?
"Algen" sind eine sehr vielfältige Gruppe von Lebewesen mit tausenden von Arten, die überwiegend im Wasser – Süß- und Salzwasser – leben und wie Pflanzen Photosynthese betreiben. Im Gegensatz zu Landpflanzen nutzen Algen das Sonnenlicht jedoch effektiver und wachsen daher schneller.
Algen gehören zu den ältesten Organismen der Erde. Sie bieten nicht bloß Lebensräume und Nahrung für unzählige Tierarten, sondern sind auch der wichtigste Sauerstofflieferant der Erde: Jedes zweite Sauerstoffmolekül in der Luft stammt aus der Photosynthese von Algen.
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Anhand ihrer Größe teilt man Algen in zwei Gruppen ein: Als Mikroalgen bezeichnet man mikroskopisch kleine Arten, die meist nur aus einer Zelle bestehen. Sie machen mit 80 Prozent den größten Teil aller bekannten Algenarten aus. Bedeutende kultivierte Vertreter sind zum Beispiel Chlorella und Spirulina. Streng genommen gehört Spirulina allerdings nicht zu den Algen, sondern zu den Cyanobakterien. Aufgrund ähnlicher Eigenschaften sowie vergleichbarer Verfahren bei Kultivierung und Verarbeitung wird Spirulina jedoch häufig gemeinsam mit Mikroalgen betrachtet.
Die restlichen 20 Prozent der bekannten Algenarten gehören zu den Makroalgen. Sie sind mit bloßem Auge zu erkennen und können bis zu 70 Meter lang werden.
Wofür werden Algen verwendet?
Makroalgen finden weltweit vor allem als Lebensmittel und als Rohstoff für die Lebensmittelindustrie Verwendung. Bekannte Vertreter sind zum Beispiel die Rotalge Nori, die für die Sushi-Zubereitung genutzt wird, und die Braunalge Wakame als Zutat für die japanische Misosuppe.
Mikroalgen werden vor allem als Nahrungsergänzungsmittel verwendet. Darüber hinaus gibt es noch eine Reihe anderer Anwendungsbereiche wie Kosmetik, Arzneimittel oder Tierernährung. Auch für die Biokraftstoff- oder Kunststoffherstellung bieten Mikroalgen Potenzial. In diesen Bereichen wird noch intensiv geforscht.
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Algen können wertvolle Nährstoffe liefern. Ihre Zusammensetzung unterscheidet sich jedoch erheblich zwischen den verschiedenen Arten. Makroalgen sind besonders ballaststoffreich und enthalten verschiedene Mineralstoffe. Meeresalgen können überdies sehr viel Jod enthalten. Bestimmte Mikroalgen liefern zudem mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren. Anders als häufig behauptet, sind Algenprodukte jedoch keine zuverlässige Quelle für Vitamin B12.
In der Diskussion um eine Reduzierung des Fleischkonsums werden Algen zudem häufig als Proteinquelle der Zukunft gehandelt. Manche Algenpulver, zum Beispiel Spirulina und Chlorella, haben Proteingehalte von bis zu 60 Prozent, ähnlich viel wie getrocknetes Rindfleisch. Allerdings tragen normale Verzehrmengen, wie ein paar Tabletten als Nahrungsergänzungsmittel, kaum zum Proteinbedarf bei. Auch aus klimapolitischer Sicht findet das Thema Algenerzeugung ein immer größeres Interesse. Denn die schnellwachsenden Algen binden in gleicher Zeit, mehr CO2 als Landpflanzen.
Erzeugung von Algen weltweit, Europa und Deutschland
Zwischen 1950 und 2024 ist die Produktion von Algen weltweit von rund einer halben Million Tonnen auf 40 Millionen Tonnen angestiegen. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Makroalgen wie Nori, die beispielsweise für Sushi verwendet werden. Mikroalgen wie Chlorella oder Spirulina machen mengenmäßig nur einen sehr kleinen Teil der statistisch erfassten weltweiten Algenproduktion aus.
Nur drei Prozent der weltweit gehandelten Algen werden wild gesammelt, 97 Prozent stammen aus Aquakulturen.
Weltweit größte Produzenten sind China und Indonesien mit rund 25 beziehungsweise 10 Millionen Tonnen. Geringere Anteile entfallen auf Süd-Korea und die Philippinen mit jeweils 1,6 Millionen Tonnen.
Europa trägt weniger als ein Prozent zur weltweiten Produktionsmenge bei. Die mengenmäßig größten Erzeuger sind Norwegen, Frankreich und Irland. Dort werden überwiegend Makroalgen gewonnen, größtenteils durch die Ernte aus Wildbeständen.
Hierzulande spielt die Erzeugung von Makroalgen keine Rolle. In Deutschland gibt es aber inzwischen eine Reihe von Unternehmen, die sich auf die Produktion von Mikroalgen spezialisiert haben. Deutschland gehört neben Frankreich, Spanien, Portugal, Italien und den Niederlanden zu den bedeutenden europäischen Standorten der Mikroalgenproduktion.
Wie werden Algen kultiviert?
Makroalgen werden überwiegend im Meer kultiviert – meist in Küstennähe, seltener auch off-shore –, weil das in der Regel die günstigste Form der Erzeugung ist. Daneben gibt es landbasierte Anlagen mit künstlichen Becken oder Tanks. Diese Form der Kultivierung ist aufwändiger und teurer, kann dafür aber besser kontrolliert und standardisiert werden. In solchen Anlagen werden daher höherpreisige Algen kultiviert.
Mikroalgen werden in künstlichen Anlagen – in sogenannten Photobioreaktoren – kultiviert. Sie vermehren sich durch Zellteilung und brauchen dafür – wie Pflanzen – Kohlendioxid aus der Luft, Sonnenlicht, Nährstoffe und Wasser. Die Kultivierung läuft dabei immer nach einem ähnlichen Schema ab: Eine Starterkultur der Alge wird in eine wässrige Nährlösung gegeben, die durch Pumpen ständig im Fluss gehalten und durchmischt wird. Dies sorgt dafür, dass alle Algen genügend Licht bekommen und nicht an den Wandungen des Reaktors ansetzen.
Quelle: Ralf Lüttmann, Landwirtschaftskammer Niedersachsen
Bei den Reaktoren unterscheidet man zwischen geschlossenen und offenen Systemen. In offenen Systemen – auch Open-Pond-Systeme genannt – wird die Nährlösung durch künstliche Becken geleitet, die sich unter freiem Himmel befinden oder durch ein Gewächshaus oder Ähnliches überdacht sind.
Die offenen Becken stellen die günstigste Lösung dar, bergen aber die Gefahr, dass fremde Algen, Fressfeinde oder Schmutz in das System eindringen und das Wachstum der Algen behindern beziehungsweise das Ernteprodukt verunreinigen. Weniger empfindliche Algenarten wie Spirulina lassen sich in solchen Becken jedoch gut kultivieren.
Chlorella-Algen zum Beispiel sind sehr viel empfindlicher gegenüber Verunreinigungen und Abweichungen bei der Nährlösung, sodass diese meist in geschlossenen Systemen kultiviert werden. Geschlossen bedeutet: Die Nährlösung wird durch rundherum geschlossene Röhren oder anders geformte Behälter aus Kunststoff oder Glas geleitet. Darin kann das Nährmedium sehr genau kontrolliert und eingestellt werden.
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Je nach Algenart, Lichtverhältnissen, Temperatur sowie anderen Faktoren durchlaufen die Algen die Systeme unterschiedlich lang, bis die gewünschte Biomassekonzentration erreicht ist. Am Ende des Prozesses wir die Algenbiomasse dann mit speziellen Erntemaschinen dem Wasser entnommen und getrocknet, sodass die Masse später zu Pulver oder anderen Erzeugnissen verarbeitet werden kann.
Warum eignet sich die Zucht von Mikroalgen gut für landwirtschaftliche Betriebe?
Der seit Jahren anhaltende Strukturwandel in der Landwirtschaft hat dazu geführt, dass zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe nach Alternativen zur herkömmlichen Erzeugung suchen. Die Algenkultivierung ist eine solche Alternative. Einige Betriebe haben sich – teilweise neben der bestehenden Landwirtschaft – einen Betriebszweig "Mikroalgenkultivierung" aufgebaut, um den deutschen Markt mit heimischer Ware zu beliefern. Die hierzulande erzeugten Mikroalgen werden hauptsächlich für Nahrungsergänzungsmittel verwendet.
Quelle: Ralf Lüttmann, Landwirtschaftskammer Niedersachsen
Dass die Mikroalgenkultur in erster Linie Landwirtinnen und Landwirte anspricht, hat unter anderem rechtliche Gründe. 2016 hat die EU per Verordnung festgelegt, dass es sich bei kultivierten Algen um ein landwirtschaftliches Erzeugnis handelt. Somit ist die Produktion von Algen primär der Landwirtschaft zugehörig. Dies hat zahlreiche Vorteile für Landwirtinnen und Landwirte, zum Beispiel in Sachen Versteuerung von Einkünften, Versicherung und Baurecht. Dass sich Landwirtinnen und Landwirte zur Algenkultur berufen fühlen, hat aber auch fachliche Gründe: denn schließlich handelt es sich ja auch bei Mikroalgen um photosynthetisch aktive Organismen, die mit Nährstoffen versorgt werden müssen.
Erfolgreiche Algenkultur ist kein Selbstläufer
"Der Weg zum erfolgreichen Algenproduzenten ist nicht einfach", weiß Ralf Lüttmann von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, der in den letzten Jahren einige Betriebe bei der Umstellung baurechtlich begleitet hat. "Für eine Algenkultivierungsanlage müssen Landwirtinnen und Landwirte auf der einen Seite viel Geld in die Hand nehmen. Auf der anderen Seite gibt es aber bislang noch keine verlässlichen betriebswirtschaftlichen Daten für diesen Produktionsbereich", so Lüttmann. Entscheidend für die Wirtschaftlichkeit sei am Ende die Menge an produzierter Biomasse und der Preis pro Kilogramm Trockenmasse. Günstige Ware aus Asien setze die hiesigen Produzenten erheblich unter Druck.
Wo in Deutschland werden Algen erzeugt?
Mit der Deutschen Algen Genossenschaft (DAG) gibt es in Norddeutschland den europaweit größten Zusammenschluss von Mikroalgenerzeugern. Elf Betriebe kultivieren Algen für die DAG, vor allem Spirulina, aber auch Chlorella – zum Teil bio-zertifiziert. Neben den in der Genossenschaft organisierten Betrieben gibt es noch ein paar andere. In Klötze in Sachsen-Anhalt steht der derzeit größte geschlossene Photobioreaktor Deutschlands. In einem mehr als 500 Kilometer langen Glasröhrensystem werden dort in erster Linie Chlorella-Algen erzeugt.
Weitere Informationen
Oekolandbau.de: Algen in Bio-Qualität: Grün-blaue Zukunft auch in Europa?
Oekloandbau.de: Mikroalgen: Wie Algenfarmen das Superfood produzieren
