Welche Bedeutung hat Weidehaltung für Umwelt und Artenvielfalt?
Letzte Aktualisierung: 22. Oktober 2026
Weidetiere können vielfältige Lebensräume schaffen. Entscheidend ist, wie die Beweidung an die jeweilige Fläche angepasst wird.
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In Kürze
- Weiden können wichtige Lebensräume für viele Pflanzen- und Tierarten sein. Entscheidend ist jedoch, wie sie bewirtschaftet werden.
- Extensiv genutzte Weiden werden meist weniger stark beweidet und gedüngt und bieten daher artenreichere Lebensräume als intensiv genutzte Flächen.
- Weidetiere schaffen durch Fraß, Tritt und Dung unterschiedliche Strukturen. Davon können Pflanzen, Insekten, Vögel und andere Tiere profitieren.
- Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde unterscheiden sich darin, welche Pflanzen sie fressen, wie tief sie diese abbeißen und wie sie sich auf der Fläche bewegen.
- Sowohl zu intensive als auch zu geringe Beweidung kann die Artenvielfalt beeinträchtigen. Besonders wertvoll ist häufig ein Mosaik aus unterschiedlich stark genutzten Bereichen.
Weiden und Wiesen gehören zum landwirtschaftlichen Grünland und erfüllen vielfältige ökologische Funktionen. Gemeinsam ist diesen Flächen, dass sie über viele Jahre von Gräsern und anderen krautigen Pflanzen bewachsen sind.
Nutzung des Grünlands
Je nach Standort, Klima und betrieblichen Anforderungen wird Grünland unterschiedlich genutzt. Im Artikel Wiese und Weide – was sind die Unterschiede? erklären wir, was es damit auf sich hat.
Die geschlossene Pflanzendecke schützt den Boden vor Erosion und Austrocknung, speichert Kohlenstoff und trägt so zum Klimaschutz bei. Grünland fungiert zudem als Filter für Nähr- und Schadstoffe und schützt somit das Grundwasser.
Ohne regelmäßige Mahd oder Beweidung würden sich mit der Zeit auf vielen Wiesen und Weiden Sträucher und Bäume ausbreiten. Arten, die offene Lebensräume benötigen, würden dadurch zurückgedrängt.
Welche ökologische Bedeutung Grünland im Allgemeinen hat, erklärt der Beitrag Was ist Grünlandwirtschaft und was macht sie so wertvoll? ausführlicher. Im vorliegenden Artikel legen wir den Fokus auf die Weidehaltung. Wir erklären, wie Weidetiere eine Grünlandfläche verändern und unter welchen Bedingungen sie die Artenvielfalt fördern.
Wie viel Grünland in Deutschland ist besonders artenreich?
Nach den Ergebnissen des sogenannten HNV-Farmland-Monitorings von Bund und Ländern hatten 2024 rund 1,2 Millionen Hektar Grünland in Deutschland einen hohen Naturwert. Gemeint sind Wiesen und Weiden, auf denen besonders viele standorttypische Pflanzenarten vorkommen.
Diese Fläche entspricht gut einem Viertel des insgesamt in Deutschland genutzten Dauergrünlands. Wie sich diese Fläche auf Wiesen und Weiden verteilt, geht aus den Daten nicht hervor.
Nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz (BfN) sind artenreiche Grünlandflächen in Deutschland über die vergangenen Jahrzehnte zurückgegangen. Auch die Vielfalt ihrer Pflanzenbestände hat abgenommen.
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Sind Weiden artenreicher als Wiesen?
Ob eine Grünlandfläche Lebensraum für eine Vielzahl verschiedener wild lebender Pflanzen- und Tierarten bietet, lässt sich nicht allein daran erkennen, ob sie gemäht oder beweidet wird. Sowohl Wiesen als auch Weiden können sehr artenreich, aber auch artenarm sein.
Für die Artenvielfalt kommt es darauf an, wie eine Fläche bewirtschaftet wird. Extensiv genutzte Weiden bieten häufig artenreichere Lebensräume als intensiv genutzte Flächen. Extensiv bedeutet, auf der Weide grasen nur wenige Tiere, es wird wenig oder gar nicht gedüngt und die Fläche wird nicht ständig bis auf eine kurze Pflanzendecke abgefressen.
Häufig gehören längere Ruhezeiten und zeitweise ungenutzte Bereiche dazu. Wie eine extensive Nutzung konkret aussieht, kann sich jedoch von Weide zu Weide unterscheiden.
Gemeinsamer Appell für die Weidetierhaltung
In der Plattform GRÜNLAND setzen sich 80 Verbände, darunter landwirtschaftliche Branchenverbände, Bio-Anbauverbände und Umweltverbände, gemeinsam für die Weidetierhaltung ein. In ihrem Positionspapier vom April 2026 betonen sie die Bedeutung der Weidetiere für den Erhalt von Kulturlandschaften und Artenvielfalt.
Zugleich warnen die Beteiligten, dass wirtschaftlicher Druck und fehlende Planungssicherheit die Weidetierhaltung gefährden. Sie fordern deshalb eine nationale Weidestrategie, verlässliche finanzielle Unterstützung und einfachere Förderverfahren. Ziel ist eine wirtschaftlich tragfähige Weidetierhaltung, die zugleich Leistungen für Natur und Landschaft erbringt.
Wie Weidetiere vielfältige Lebensräume schaffen
Weidetiere beeinflussen eine Grünlandfläche auf verschiedene Weise: Sie prägen durch ihre Futterwahl den Pflanzenbestand, verändern durch ihren Tritt die Bodenoberfläche, hinterlassen Dung und transportieren Samen von Ort zu Ort. Diese unmittelbaren Wirkungen der Tiere unterscheiden Weiden von reinen Mähwiesen.
Hätten Sie’s gewusst?
Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde weiden unterschiedlich. Rinder umfassen Pflanzen mit der Zunge und reißen sie ab. Sie fressen meist weniger tief als Schafe oder Pferde und lassen häufiger höhere Pflanzenbestände stehen. Schafe können Pflanzen sehr nah am Boden abbeißen und wählen ihr Futter gezielter aus. Ziegen fressen neben Gräsern und Kräutern besonders gern Blätter, Zweige und junge Gehölze. Pferde beißen das Gras ebenfalls sehr kurz ab, nehmen aber auch älteres, faserreiches Gras auf.
Auch innerhalb einer Tierart gibt es Unterschiede. Alter, Rasse, Körpergewicht und die Gewöhnung an nährstoffarme oder artenreiche Weiden beeinflussen, welche Pflanzen die Tiere fressen und wie sie sich auf der Fläche bewegen.
Das vielfältige Fressverhalten führt zu unterschiedlichen Artenzusammensetzungen auf den einzelnen Flächen. Grasen in einer Region viele unterschiedliche Weidetiere, erhöht das die Artenvielfalt zusätzlich.
Fraß schafft ein Mosaik aus hohen und niedrigen Pflanzen
Weidetiere fressen eine Fläche in der Regel nicht überall gleichmäßig ab. Zum einen bevorzugen sie bestimmte Pflanzen und meiden andere. Zum anderen nutzen sie manche Bereiche der Weide häufiger als andere – etwa Tränken, Ruheplätze oder schattige Stellen unter Bäumen. So kann ein Mosaik entstehen: Neben kurz gefressenen Stellen bleiben höhere Gräser, Kräuter und einzelne blühende Pflanzen stehen.
Dieses Nebeneinander bietet verschiedenen wild lebenden Tierarten Nahrung, Schutz und Plätze zur Fortpflanzung. Manche Insekten benötigen zum Beispiel niedrige, von der Sonne erwärmte Bereiche.
Andere finden zwischen höheren Halmen Schutz oder an Blüten Nahrung. Auch Vögel profitieren: Manche können auf kurz gefressenen Stellen leichter Beute finden, während andere in höherem Bewuchs geschützte Plätze für ihre Nester finden.
Tritt schafft neue Lebensräume
Durch den Tritt der Tiere können kleine offene Bodenstellen entstehen. In solchen Lücken keimen mitunter Samen, die in einer dichten Pflanzendecke kaum eine Chance hätten. Einige bodennistende Wildbienen, Laufkäfer und andere Insekten nutzen unbewachsene, sonnenwarme Stellen.
Solche kleinflächigen Störungen können daher zur Vielfalt beitragen. Werden es zu viele, geht jedoch schützende Vegetation verloren und der Boden kann geschädigt werden.
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Dung bietet Nahrung und Lebensraum
Eine besondere Rolle spielt auch der Dung der Weidetiere. In Kuhfladen und Pferdeäpfeln leben unter anderem Käfer, Fliegenlarven und andere kleine Tiere. Sie zersetzen den Dung und bringen einen Teil der darin enthaltenen Nährstoffe zurück in den Boden. Zugleich dienen sie Vögeln und anderen Tieren als Nahrung.
Weidetiere verbreiten Pflanzensamen
Pflanzensamen können im Fell oder an den Hufen und Klauen der Tiere hängen bleiben. Manche überstehen auch die Verdauung und werden später mit dem Kot ausgeschieden.
Laut der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege können Schafe bei der Verbreitung von Diasporen eine besondere Rolle spielen. Diasporen sind die Ausbreitungseinheiten von Pflanzen, zum Beispiel Samen oder Früchte. In ihrer dichten Wolle bleiben Diasporen oft lange haften. Im Fell eines untersuchten Schafs fanden Forschende mehr als 8.500 Diasporen von 85 Pflanzenarten.
Einzelne Diasporen blieben in Versuchen sogar bis zu sieben Monate im Schaffell haften. Ziehen Schafherden bei der Hüte- oder Wanderschafhaltung über größere Strecken von einer Weide zur nächsten, können sie Pflanzensamen dadurch weit verbreiten und zum Austausch zwischen voneinander weit getrennten Lebensräumen beitragen.
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Beweidung kann der Artenvielfalt auch schaden
Entscheidend ist das richtige Maß: Sowohl eine zu intensive als auch eine zu geringe Beweidung kann die Artenvielfalt beeinträchtigen.
Wenn die Beweidung zu intensiv ist
Stehen zu viele Tiere auf einer Fläche oder werden einzelne Bereiche zu lange beziehungsweise zu häufig beweidet, können empfindliche Pflanzen immer wieder abgefressen werden. Sie kommen dann kaum noch zur Blüte und Samenbildung. Gleichzeitig gehen höhere Pflanzenbestände und damit Nahrung und Rückzugsräume für Insekten und andere Tiere verloren.
Auch Tritt kann bei hoher Belastung zum Problem werden. Vor allem auf nassen Böden kann die Pflanzendecke stark geschädigt und der Boden verdichtet werden. Während einzelne offene Bodenstellen die Artenvielfalt fördern können, schadet großflächiger Tritt dagegen Vegetation und Boden.
Entscheidend sind deshalb eine an den Standort angepasste Beweidungsintensität sowie ausreichend lange Erholungszeiten und Rückzugsbereiche.
Wenn die Beweidung zu schwach ist
Bleiben große Teile einer Fläche über Jahre ungenutzt, können sich wenige hochwachsende Gräser, Stauden und schließlich Gehölze ausbreiten. Niedrig wachsende und lichtbedürftige Pflanzen werden dann verdrängt. Dadurch verlieren auch Tierarten Lebensraum, die auf kurze, warme und offene Bereiche angewiesen sind.
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Altgras, Gebüsche und ungestörte Bereiche sind deswegen nicht grundsätzlich unerwünscht. Auch sie bieten zahlreichen Arten Nahrung, Schutz und Brutplätze. Entscheidend ist, dass nicht auf der gesamten Fläche die gleichen Bedingungen entstehen. Aus Sicht der Artenvielfalt ist häufig ein Wechsel aus kurzen und hohen, offenen und geschützten sowie häufig und selten genutzten Bereichen besonders wertvoll. Ein Beispiel dafür sind Waldweiden, auf denen ein Mosaik aus offenen, halboffenen und bewaldeten Bereichen vielfältige Lebensräume schaffen kann.
Es gibt kein Patentrezept für eine artenreiche Weide
Ob Weidehaltung die Artenvielfalt fördert, lässt sich nicht allein an Begriffen wie “extensiv”, an einer bestimmten Tierart oder an einer festen Zahl von Tieren je Hektar ablesen. Entscheidend ist zunächst, dass die Nutzung zu den natürlichen Bedingungen des Standorts passt: Eine trockene und nährstoffarme Fläche braucht eine andere Beweidung als eine feuchte und ertragreiche Weide.
Soll die Beweidung zugleich bestimmte Naturschutzziele erfüllen, muss sie zusätzlich darauf abgestimmt werden. Eine Fläche für bodenbrütende Vögel muss beispielsweise anders bewirtschaftet werden als eine Weide, auf der bestimmte Blütenpflanzen erhalten werden sollen.
Gut angepasste Weidehaltung kann so ein vielfältiges Mosaik aus unterschiedlich hohen Pflanzenbeständen, offenen Bodenstellen, Dung und ungestörten Bereichen schaffen. Sowohl eine zu intensive als auch eine zu schwache Beweidung kann diese Vielfalt jedoch beeinträchtigen. Ein Patentrezept für eine artenreiche Weide gibt es daher nicht.
Weitere Informationen
Bundeszentrum Weidetiere und Wolf (BZWW): Was würde fehlen, wenn es keine Weidetiere mehr gäbe?
Länderinitiative Kernindikatoren: Landwirtschaftsflächen mit hohem Naturwert
Oekolandbau.de: Waldweide: Mehr Biodiversität – und Chancen für die Landwirtschaft
