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Insektensterben in Deutschland

Das Thema Insektensterben ist in aller Munde! Aber wie stark ist die Zahl der Insekten in Deutschland zurückgegangen und was sind die Auslöser?

Biene bestäubt Kornblume
Die bei Bienen beliebte Kornblume ist heute nur noch selten am Rand von Getreidefeldern zu entdecken.
Quelle: landpixel.de

Intakte Ökosysteme bestehen aus einer Vielzahl an Pflanzen und Tieren. Wenn Arten aussterben, gibt es Verschiebungen oder auch Ausfälle in den Funktionen innerhalb des jeweiligen Systems. Insekten erfüllen eine entscheidende Funktion bei der Bestäubung von Nutzpflanzen in der Landwirtschaft. Sie sind darüber hinaus wichtige Nahrung für zahlreiche Vogelarten. Etwa 80 Prozent der Wildpflanzen sind abhängig von Insektenbestäubung, und 60 Prozent der Vögel in der heimischen Natur ernähren sich hauptsächlich von Insekten. In Deutschland gibt es jedoch immer weniger Insekten. Das ist weitgehend unstrittig. Wie dramatisch der Rückgang ist, in welchem Maße sich die Anzahl der Insekten in Deutschland verringert hat und was die zentralen Auslöser sind – darüber wird viel diskutiert.  Zentraler Bezugspunkt der meisten Debatten ist die sogenannte Krefelder Studie. Sie stellt als erste Langzeitstudie für die vergangenen 27 Jahre einen Rückgang der Fluginsekten-Biomasse um 75 Prozent fest. Ehrenamtliche Insektenkundler des Entomologenvereins Krefeld hatten in verschiedenen deutschen Naturschutzgebieten an über 60 Standorten Fallen platziert und konnten diesen Trend über alle Standorte hinweg nachweisen. Betroffen sind z.B. Schmetterlinge, Bienen und Wespen bis hin zu Motten und andere flugfähige Arten.

Schwierige Beweisführung

Laut der Krefelder Studie war der Einfluss von Lebensraumzerstörung, Klimawandel oder Landnutzungsänderungen – und damit auch der Artenschwund innerhalb der Agrarlandschaften –auf den Rückgang der Insektenpopulation anhand der Daten nicht eindeutig nachweisbar. Weitere potentielle Einflussfaktoren, wie zum Beispiel die Belastung durch Pestizide aus angrenzenden Agrarflächen konnten mangels verfügbarer Daten nicht berücksichtigt werden. Wie sich intensive Landwirtschaft auf den Zustand der Insektenwelt auswirkt, wurde demnach nicht abschließend geklärt.

Kritiker der Schlussfolgerungen weisen darauf hin, dass die meisten Standorte nur in einem Jahr des Studienzeitraums untersucht wurden. Ob diese unterschiedlichen Orte repräsentativ für ganz Deutschland seien, bezweifeln sie. Des Weiteren könne anhand der Studie nicht auf die Situation in anderen Ökosystemen wie Agrar- oder Forstsystemen geschlossen werden.  Grundsätzlich werden die Daten der Studie in der Fachwelt jedoch als tragfähig angesehen und andere Untersuchungen zeichnen ein ähnliches Bild. So beklagt das Bundesamt für Naturschutz (BfN) in seinem Agrar-Report 2017 einen dramatischen Rückgang der Insekten in der Kulturlandschaft und verweist darauf, dass im Vergleich zu anderen regelmäßig bewerteten Lebensraumbereichen die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft am stärksten rückläufig ist –bei anhaltend weiter negativem Trend.

Mögliche Ursachen für das Insektensterben

So schwierig eine klare Beweisführung ist, worauf der zunehmende Rückgang der Insektenpopulation zurückzuführen ist, gibt es doch eine ganze Reihe von Faktoren, die aus Sicht der Forschung als Auslöser in Frage kommen.

Landwirtschaft

So haben in den letzten Jahrzehnten moderne Entwicklungen der Landbewirtschaftung sowie veränderte ökonomische Rahmenbedingungen zu erheblichen Verlusten wertvoller Offenlandbiotope geführt. Von dieser Entwicklung sind extensiv genutzte Grünlandbiotope und letztendlich die traditionellen Kulturlandschaften insgesamt betroffen, was sich wiederum auf die dort lebenden Insekten auswirkt.

Auch die intensive Landnutzung durch häufigen Schnitt und großflächigen Maisanbau hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Die dadurch bedingte geringere pflanzliche Artenvielfalt wirkt sich auch auf Insekten aus, da bestimmten Arten ihre Nahrungsgrundlage und ihr Lebensraum entzogen wurden.

Schließlich beeinflusst der Pestizideinsatz in der Landwirtschaft ebenfalls Insekten. Obwohl sich die Menge der eingesetzten Pestizide in den letzten Jahrzehnten nicht erhöht hat, werden heute andere Wirkstoffe eingesetzt, die in hoher Konzentration in kleinsten Mengen wirken. So stehen z.B. Neonikotinoide im dringenden Verdacht als ein Schlüsselfaktor zum ungewollten Insektensterben beizutragen. Sollten sie verboten werden, muss es jedoch Alternativen geben, mit denen Landwirtinnen und Landwirte ihre Pflanzen vor bestimmten Insekten wie dem Maiszünsler effizient schützen können.

Infrastrukturmaßnahmen

Die Zerstückelung der Landschaft durch Straßenbau und andere infrastrukturelle Baumaßnahmen hat langfristig ebenfalls dramatische Auswirkungen auf die Biodiversität. Diese Veränderungen sind meist relativ klein und werden daher oft wenig beachtet. Insgesamt reduzieren sie jedoch die Qualität der noch vorhandenen Lebensräume immer stärker und gefährden dadurch immer mehr Tier- und Pflanzenarten. Die Zerstückelung der Landschaft hat zur Folge, dass der Bewegungsspielraum von Insekten innerhalb einer Landschaft geringer wird. Zum anderen erschwert sie die Ausbreitung von Arten.

Klimawandel

Dänische Forscher haben darüber hinaus in einer Langzeitstudie herausgefunden, dass Populationen stark spezialisierter Insektenarten vom Klimawandel beeinflusst werden und abwandern, während sich andere Arten aufgrund des Temperaturanstiegs vermehren. Das führt zur Verdrängung ehemals ansässiger Insektenarten.

Strategien gegen das Insektensterben

Aber wie kann dem Insektensterben entgegengewirkt werden? Naturschutzorganisationen wie der NABU oder der BUND fordern schon seit längerem, dass möglichst schnell eine dauerhafte bundesweite Insektenbestandsaufnahme aufgebaut wird. Als kritisch bewertete Insektizide sollten intensiv überprüft und Neonikotinoide verboten werden.  Gleichzeitig müsse der Bund schnellstmöglich Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität, wie zum Beispiel die Renaturierung von Ackerrändern, realisieren und finanzieren. Vor allem seien gemäß des Naturschutz- und Landeswaldgesetzes Schutzgebiete großflächig neu auszuweisen und bestehende Flächen zu vergrößern. Rund 60 Prozent aller Naturschutzgebiete seien hierzulande kleiner als 50 Hektar und durch ihre Insellage stark von ihrer Umgebung beeinflusst, sodass äußere Einflüsse wie der Einsatz von Pestiziden oder Nährstoffen nicht ausreichend abgepuffert werden könnten.

Vertreter der Landwirtschaft teilen einzelne dieser Forderungen, setzen aber auch ganz andere Akzente. So fordert die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) ebenfalls eine selbstkritische Analyse des Einsatzes von Neonikotinoiden, sieht aber vor allem im Vordringen zu großräumiger ackerbaulicher Strukturen mit immer weniger vielfältigen Anbausystemen einen ganz wesentlichen Grund für den Insektenschwund. Der Deutsche Bauernverband sieht zunächst weiteren Forschungsbedarf und warnt vor einseitigen Schuldzuweisungen gegenüber Landwirtinnen und Landwirten. Ihnen werde es durch bürokratische Hindernisse und komplizierte Antrags-und Kontrollverfahren erschwert, die Verhältnisse für Insekten durch Blühstreifen und artenreiche Feldränder zu verbessern. Auch werde nach wie vor zu wenig gegen den Flächenverbrauch unternommen.

Einigkeit besteht darüber, dass die gegenwärtige Entwicklung nicht tatenlos hingenommen werden kann. Und die gute Nachricht lautet: Insekten besitzen hohe Reproduktionsraten. Fallen einige negative Faktoren weg, dann ist durchaus eine Umkehr der Entwicklung möglich.


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