Springe zur Hauptnavigation Springe zum Inhalt

Haltungsformen für Milchkühe

Rund 4,2 Millionen Milchkühe werden in Deutschland gehalten. Aber wie? Die am weitesten verbreiteten Haltungsformen im Überblick.

Im Boxenlaufstall können sich die Kühe frei bewegen. Die Funktionsbereiche Fressen, Liegen und Bewegen sind klar getrennt.
Quelle: landpixel.de

Das Rind ist eines unserer ältesten Nutztiere und hat unser Landschaftsbild entscheidend mitgeprägt. Viele Kulturlandschaften wie die Marschen in der Nordwestdeutschen Tiefebene, die offenen Weiden in den deutschen Mittelgebirgen oder die Almen in den Alpen sind durch Kühe und Jungrinder entstanden. 

Milch ist aber auch ein großer Wirtschaftsfaktor. Deutschland gehört zu den größten Milcherzeugern der Europäischen Union (EU). Gehalten werden Milchkühe hierzulande vor allem dort, wo es einen hohen Anteil an Grünland, also Wiesen und Weiden gibt. Der Hauptgrund dafür ist, dass Kühe mit ihren vier Mägen – im Gegensatz zu beispielsweise Schweinen oder Geflügel – das Raufutter aus Gras besser verwerten können. Die Milchproduktion auf Grünlandstandorten ist also zum einen aus biologischen Gründen sinnvoll und zum anderen auch wirtschaftlicher als in reinen Ackerbauregionen ohne Grundfutter.

Milchviehhaltung an Grünlandstandorten

Bayern mit seinem Voralpenland und Niedersachsen mit seinem Grünlandgürtel entlang der Nordsee sind deshalb die beiden Länder in Deutschland, in denen zusammen fast die Hälfte aller Kühe steht. In keinem anderen Bundesland gibt es so viele Milchviehbetriebe wie in Bayern, gleichzeitig sind die Milchkuhherden nirgendwo sonst so klein wie dort. Im Schnitt halten bayerische Milchviehbetriebe 39 Tiere. Im extremen Gegensatz dazu der Osten Deutschlands: hier stehen die größten Milchkuhherden. Betriebe in Brandenburg halten im Durchschnitt 225 Tiere, solche in Mecklenburg-Vorpommern sogar 232.

Haltungsformen im Überblick

Etwa 70 Prozent aller Milchkühe in Deutschland werden in offenen Laufställen gehalten. Das geht aus der letzten Landwirtschaftszählung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2010 hervor. Es ist anzunehmen, dass der Wert mittlerweile über 70 Prozent liegt, denn Stallneubauten sind heute fast immer Boxenlaufställe.

Aber auch die Anbindehaltung, die in früheren Zeiten in vielen Betrieben die Regel war, gibt es heute noch. Sie ist meist in kleinen Milchbetrieben mit wenigen Kühen zu finden, vorwiegend im Süden Deutschlands – dort besonders im Alpenraum. Laut der letzten Landwirtschaftszählung wurden 2010 noch 27 Prozent aller Kühe angebunden gehalten. Die Anbindehaltung geht jedoch im Zuge des Generationenwechsels und des Strukturwandels deutlich zurück, sodass der Anteil der in Anbindehaltung gehaltenen Kühe seit 2010 stark zurückgegangen ist. Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter (ADR) nahm die Zahl der Betriebe mit Anbindehaltung in Deutschland zwischen 1995 und 2013 um 77 Prozent ab.

Etwa 42 Prozent der deutschen Milchkühe haben im Schnitt etwa fünf Monate pro Jahr Weidegang.

Anbindeställe

Der Anbindestall war lange Zeit die vorherrschende Haltungsform für Kühe. Die Kühe kamen früher tagsüber auf die Weide und wurden nachts angebunden. Im Winter standen sie die ganze Zeit auf demselben Platz. Der Vorteil des Anbindestalls lag vor allem in seinem geringen Platzbedarf und den geringen Kosten pro Tierplatz.

Anbindeställe gibt es auch heute noch in allen Bundesländern – vor allem aber in Bayern und Baden-Württemberg. Das liegt daran, dass hier die Betriebe und Bestände traditionell kleiner sind. 

Für viele dieser Betriebe seien die Investitionen für einen Stallumbau oder -neubau nicht zu stellen, fürchtet das Bundeslandwirtschaftsministerium, und sprach sich 2016 gegen ein Verbot der Anbindehaltung aus – aus Angst, dass sonst der Strukturwandel, also das Aufgeben vieler, zumeist kleinerer landwirtschaftlicher Betriebe, noch schneller vorangetrieben würde. Somit ist die ganzjährige Anbindehaltung mit und ohne Weidegang in Deutschland auch weiterhin erlaubt. Nur die Ökoverbände haben die Anbindehaltung ohne Weidegang oder Auslauf im Laufhof als Haltungsform verboten.

Kritikerinnen und Kritiker bemängeln, ein Anbindestall sei kein tiergerechtes Haltungssystem für Milchkühe. Durch das Angebundensein fehlt den Tieren Bewegungsfreiheit und die Sozialkontakte sind insbesondere bei fehlendem Weidegang sehr eingeschränkt. Problematisch ist zudem, dass die zumeist sehr alten Anbindeställe nicht mit den Kühen mitgewachsen sind. Moderne Hochleistungskühe sind vom Wuchs her deutlich größer und finden in den alten Ställen häufig nicht genug Platz. Durch diese Enge können sie zum Beispiel nicht alle gleichzeitig liegen. Auch kann die Kuh keine „Funktionsbereiche“ unterscheiden – das bedeutet Fressen, Liegen und Ausscheidung finden an einem Platz statt. 

Zur Verbesserung des Tierwohls in der Anbindehaltung gibt es Bestrebungen, den Tieren an ihrem festen Platz bessere Bedingungen zu schaffen. Dazu gehören z. B. moderne Tränken mit hohen Durchflussmengen, die Installation von zusätzlichen Lüftern und die Verbesserung des Liegekomforts in den Ständen.

Tiefstreu-, Tretmist- und Kompostställe

Tiefstreu-, Tretmist- und Kompostställe sind Sonderhaltungsformen mit Bewegung und Einstreu. Diese Haltungsformen sind eher selten anzutreffen. Eine Option sind sie vor allem für Landwirtinnen und Landwirte, die bestehende ältere Stallanlagen mit kleineren Kuhbeständen modernisieren wollen, anstatt einen neuen Boxen-Laufstall zu errichten.

Vor allem für Tiefstreuställe können gut alte Stallgebäude genutzt werden. Die Einstreu bietet den Tieren eine freie und komfortable Liegefläche. Sie können ungehindert abliegen und aufstehen und haben viel Bewegungsfreiheit. Die erforderliche kontinuierliche Zufuhr von frischer Einstreu bedeutet für Landwirtinnen und Landwirte jedoch einen höheren Einstreubedarf und Arbeitsaufwand.

Beim Tretmiststall treten die Kühe den Mist durch eine minimale Neigung der dick eingestreuten Liegefläche sozusagen selbständig auf den Laufgang, wo er dann regelmäßig entfernt wird. Beim Kompoststall wird statt mit Stroh mit Sägespänen eingestreut und die Einstreu der Liegefläche regelmäßig gewendet, um dadurch eine mikrobielle Aktivität zu erzeugen, die die Einstreu schon im Stall zu wertvollem Dünger umwandelt.  

Boxenlaufställe

Die heute vorherrschende Haltungsform sind Boxenlaufställe, die es seit etwa 45 Jahren gibt. In ihnen sind die Funktionsbereiche Fressen, Liegen und Bewegen klar getrennt. Einige Betriebe haben auch einen Laufhof im Freien, zu dem die Kühe den ganzen Tag Zugang haben.

Die Kühe können sich frei bewegen, am Futtertisch Futter aufnehmen, zum Kraftfutterstand oder zur Tränke gehen oder in ihren Liegeboxen liegen. Diese gibt es als Hochboxen, bei denen die Tiere die mit einer Gummimatte ausgelegte Fläche über eine Schwelle erreichen und als Tiefboxen, eine mit Strohhäcksel, Sand oder Sägemehl eingestreute Mulde. Kühe liegen nicht gerne auf hartem Untergrund, sondern bevorzugen elastische und verformbare Liegeflächen Die Boxenmaße sind so bemessen, dass sich die Tiere dort ungehindert hinlegen und wieder aufstehen und die Box verlassen können.

Die Laufflächen sind entweder planbefestigt, also betoniert, und werden dann mit einem automatischen Schieber gereinigt oder mit Spaltenboden versehen, bei dem der Kot durch die Schlitze in den Betonelementen durchgetreten wird. In vielen Laufgängen sind rotierende Kuhbürsten angebracht, die die Kühe gern zur Körperpflege annehmen. Bei ausreichendem Raumangebot haben die Tiere in einem Boxenlaufstall die Möglichkeiten zu Interaktion und zu Sozialkontakten. 

An Tränkewannen können die Kühe aus einer stehenden Wasseroberfläche trinken. Bei großer Hitze werden zusätzliche Ventilatoren und Sprühkühlungen eingesetzt, um Hitzestress zu vermeiden.

BZL-YouTube-Kanal: Videoreihe zur Milchviehhaltung

Zu den weiteren Videos des BZL-YouTube-Kanals

Meist wird zweimal am Tag, in großen Betrieben auch dreimal am Tag, im Melkstand oder Melkkarussell gemolken, zu dem sich die Tiere hinbewegen. Seit einigen Jahren gibt es auch Melkroboter, die dies vollautomatisch erledigen. Mit Herdenmanagementprogrammen und täglich mehrmaliger Tierbeobachtung überwachen Landwirtinnen und Landwirte das Wohl ihrer Tiere. 

Boxenlaufställe bringen nicht nur für die Tiere Vorteile mit sich. Auch Milchviehhalterinnen und -halter können viele zeitraubende Arbeiten wie Entmisten oder Melken vereinfachen oder automatisieren. Das große Luftvolumen mit hoher Luftzirkulation in den hohen Ställen bietet Tier und Mensch ein gutes Raumklima, im Gegensatz zu den niedrigen meist in Massivbauweise gebauten Anbindeställen in Altgebäuden.

Vor allem in Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben noch viele Milchkühe Weidegang.
Quelle: landpixel.de

Weidegang

Ob und wie viel Zeit Milchkühe auf der Weide verbringen ist regional sehr unterschiedlich und hängt auch von der Betriebsgröße ab. Vor allem in Niedersachsen und Schleswig-Holstein erhalten Kühe regelmäßig Weidegang. Dort haben noch viele Betriebe arrondierte, also den Hof umgebende Marschwiesen, die sie nutzen können, ohne verkehrsreiche Straßen überwinden zu müssen.

Mittelgroße Betriebe bieten im Durchschnitt mehr Weidegang als kleine und große Betriebe. In großen Milchviehherden mit über 200 Kühen ist die benötigte Grünlandfläche im betriebsnahen Bereich meist der begrenzende Faktor. In solch großen Betrieben ist der Weidegang daher meist wenig praktikabel. Bei Betrieben mit 50 bis 199 Kühen sieht das anders aus. Hier geht in Deutschland jede zweite Kuh auf die Weide. Bei diesen Betrieben handelt es sich in der Regel um klassische Grünlandstandorte. In kleineren Betrieben mit bis zu 49 Kühen haben laut Landwirtschaftszählung (2010) 42 Prozent der Tiere regelmäßig Weidegang.

Milch, die von den Molkereien als „Weidemilch“ vermarktet wird, stammt übrigens von Kühen, die im Laufe des Jahres an mindestens 120 Tagen mindestens sechs Stunden auf der Weide waren. 

Die Weide kommt dem Bedürfnis der Tiere nach uneingeschränkter Bewegung, Licht und Luft nach. Für eine gute Milchleistung ist das Futter auf der Weide jedoch nicht ausreichend, weil es die dafür notwendige Energieversorgung nicht liefern kann. Dafür benötigen die Tiere weitere wichtige Nährstoffe als Ergänzung, die sie meist bei der Hauptfütterung im Stall erhalten.

Bei hohen Temperaturen bleiben die Kühe ganz von sich aus lieber im Stall. Denn Kühe lieben es kühl – ihre Wohlfühltemperatur liegt zwischen -7 und +17 Grad Celsius. Viele Landwirtinnen und Landwirte setzen daher auf Mischformen und kombinieren die Stallhaltung mit einem Laufhof oder einer Auslaufweide am Stall, um die Vorzüge beider Haltungsformen zu vereinen.


Weitere Informationen


Praxis-agrar.de: Natürliches Verhalten und Ansprüche von Milchvieh

Tierwohl-staerken.de: Moderne Technik im Milchkuhstall

Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL): Nutztierhaltung – Rinder


Kühe

Wie arbeiten Mutterkuhhalter?

Mutterkühe werden vor allem dort gehalten, wo es – wie in Brandenburg – viel Grünland gibt. Wir haben einem Halter über die Schulter geschaut.

Landwirt ist mit Mutterrind und neugeborens Kalb im Stall

Muttergebundene Kälberaufzucht im Ökolandbau

Kühe geben nur dann eine konstant hohe Milchmenge, wenn sie jährlich ein Kalb gebären.

Gibt die Kuh auch ohne Kalb Milch?

Die Kuh ist ein Säugetier. Sie gibt nur dann Milch, wenn sie auch ein Kalb geboren hat.