Woher stammt das Saatgut für unsere Lebensmittel?
Letzte Aktualisierung: 25. November 2025
Moderne Hochleistungssorten bestimmen heute den Markt. Das beschert uns makelloses Gemüse, geht allerdings auf Kosten der Vielfalt auf den Feldern.
In Kürze
- Früher stellten Bäuerinnen und Bauern ihr Saatgut selbst her, heute kommt es überwiegend von spezialisierten Züchtungsunternehmen und Vermehrungsbetrieben.
- Hybridsorten liefern hohe Erträge und einheitliches Gemüse, können aber nicht nachgezüchtet werden.
- Samenfeste Sorten lassen sich weitervermehren und an Klima und Krankheiten anpassen, sind jedoch seltener im Handel.
- Gentechnik und Genom-Editing verändern Pflanzen gezielt, sind aber umstritten.
- Die Marktkonzentration gefährdet die Vielfalt, weil traditionelle Sorten verdrängt werden.
- Im Hobbygarten kann man Vielfalt erhalten, indem man samenfestes Saatgut nutzt und selbst vermehrt.
Mit der Saat fängt alles an. Ob Tomate, Gerste, Möhre oder Salat – Ursprung der meisten Kulturpflanzen ist das Samenkorn. Es ist die Basis für unsere Ernährung und Grundlage unserer Existenz. Früher erzeugten Bäuerinnen und Bauern Saatgut selbst. Bei Getreide etwa behielten sie einen Teil der geernteten Körner für die Aussaat im nächsten Frühjahr zurück. Heute werden neue Sorten meist von spezialisierten Pflanzenzüchtungsunternehmen entwickelt.
Mensch und Pflanze – eine enge Beziehung
Saatgut ist ein Kulturgut. Die Entwicklung von uns Menschen ist eng damit verknüpft. Seit der Mensch Pflanzen anbaut, hat er sie ständig verändert. Aus nutzbaren Wildpflanzen hat er Kulturpflanzen gemacht. Stets hat er nur solche Pflanzen vermehrt, die seinen Ansprüchen genügten, gesund waren und kräftig wuchsen.
Neben dieser Auslese (Selektion) hat Mutation – eine spontane Veränderung des Erbguts – die Pflanzen verändert. Je nachdem, ob eine Mutation zu erwünschten oder unerwünschten Eigenschaften führte, wurden Pflanzen weitervermehrt oder eben nicht.
Lange war Saatgut Allgemeingut. Es wurde “über den Gartenzaun” weitergegeben und getauscht. Anbau und Züchtung lagen über Jahrhunderte hinweg in den Händen von Bäuerinnen und Bauern.
Trennung von Anbau und Züchtung
Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich das. Anbau und Vermehrung wurden voneinander getrennt. Man begann, Pflanzen professionell zu züchten, um damit Geld zu verdienen. Neben der traditionellen Auslesezüchtung wurden Pflanzen gezielt miteinander gekreuzt, um gewünschte Eigenschaften in einer neuen Sorte zu vereinen.
Zuchtziele wie Ertrag und Einheitlichkeit der Pflanzen rückten immer stärker in den Vordergrund. Andere Qualitäten, die bis dahin wichtig waren, wie Widerstandsfähigkeit im Anbau, geschmackliche Qualitäten oder lokale Anbaueignung, verloren an Bedeutung.
Ab den 1930er-Jahren kamen Hochleistungssorten auf den Markt, sogenannte Hybridsorten, die heute den globalen Saatgutmarkt dominieren.
Heute setzt die Pflanzenzüchtung nicht nur auf den Ertrag, sondern wieder vermehrt auf Widerstandsfähigkeit und Geschmack.
Quelle: ARTENS - stock.adobe.com
Hybridsorten – topp und hopp
Große rote Einheitstomaten und makellose Paprika, eine wie die andere: Statt Vielfalt in Farbe, Form, Geschmack und Verwendungszweck haben sich einheitliche Hybridsorten in der Gemüseauslage von Supermärkten breitgemacht. Doch was zeichnet Hybridsorten aus?
Am Anfang steht die Entwicklung von Inzuchtlinien. Sie besitzen besonders begehrte Eigenschaften, zum Beispiel einen hohen Ertrag oder eine bestimmte Fruchtfarbe.
Kreuzt man beide Inzuchtlinien miteinander, geben sie diese Eigenschaften zuverlässig an ihre Nachkommen weiter. So entsteht Hybridsaatgut, denn “Hybrid” bedeutet übersetzt “Mischling”. Hinzu kommt noch der sogenannte Heterosis-Effekt: Nach dem Motto “das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile” sind Hybridsorten deutlich leistungsstärker als man rein aus der Betrachtung der Elternteile erwarten würde. Darüber hinaus entwickeln sich die Pflanzen sehr einheitlich.
Hybrid-Gemüse hat meist einen höheren Ertrag, ist aufgrund der Einheitlichkeit leichter zu pflegen und zu ernten und lässt sich besser vermarkten, da es eher den Handelsnormen entspricht.
Der Nachteil: Diese Superpflanzen taugen nicht zur Nachzucht. Denn der Heterosis-Effekt verpufft schon in der folgenden Generation wieder. Die Pflanzen werden sehr uneinheitlich und die gewünschten Eigenschaften verlieren sich.
Das hat zur Folge, dass Landwirtinnen und Landwirte sowie Gärtnerinnen und Gärtner jedes Jahr neues Saatgut kaufen müssen. Bei Gemüsesaatgut in Deutschland handelt es sich überwiegend um Hybridsaatgut. Auch der Ökolandbau muss darauf zurückgreifen, weil es für manche Kulturen, wie zum Beispiel Brokkoli oder Blumenkohl, kaum noch traditionelle Sorten gibt. Allerdings wollen die wenigsten deutschen Bäuerinnen und Bauern ihr eigenes Gemüse-Saatgut gewinnen, da der Prozess aufwendig und teuer ist. Stattdessen kaufen die meisten lieber Saatgut oder Jungpflanzen von Vermehrungsbetrieben.
Auch Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtner bekommen von Möhre, Tomate und Co. im Gartencenter oft nur noch Hybridsaatgut, auch F1 genannt, das sie nicht weiter vermehren können. Wer seine Lieblingstomate aus dem Samen der eigenen Ernte ziehen will, ist gut beraten, einen Bogen um Hybride zu machen, und sich nach samenfesten Sorten umzusehen.
Quelle: Thomas Stephan - BLE
Samenfeste Sorten
Bei samenfesten Sorten sehen die Nachkommen aus wie ihre Eltern - auch nach mehrmaligem Vermehren. Eine grüngelb gestreifte Tomate bringt aus ihren Samenkörnern im nächsten Jahr wieder eine grüngelb gestreifte Tomate hervor. Außerdem steckt in samenfesten Sorten Entwicklungspotential für die Zukunft.
Selbstbestäubung
Eine Blüte wird mit dem Pollen derselben Blüte bestäubt.
Fremdbestäubung
Eine Blüte wird mit dem Pollen einer anderen Blüte bestäubt.
Samenfeste Sorten sind bei einigen häufigen Kulturpflanzen bis heute üblich, etwa bei Weizen, Gerste oder Erbsen. Diese Pflanzen vermehren sich von Natur aus über die Selbstbestäubung, weshalb sie sich kaum für die Hybridzüchtung eignen. Stattdessen werden sogenannte Liniensorten entwickelt, die durch die Selbstbefruchtung besonders einheitlich sind.
Bei fremdbestäubten Pflanzen sind samenfeste Sorten eher selten. Denn die Pflanzen sind – im Gegensatz zu Hybridpflanzen – nicht gleichförmig, jede hat ihre eigene genetische Ausstattung. Durch fortwährende Auslese und Vermehrung besonders wüchsiger und robuster Pflanzen lassen sie sich kontinuierlich anpassen, etwa an den Klimawandel oder an neue Krankheiten und Schädlinge. Bei Hybriden muss dagegen gleich eine neue Sorte gezüchtet werden. Samenfeste Sorten eignen sich oft nicht für den gewerblichen Anbau, werden aber für die Entwicklung von neuen Hochleistungssorten genutzt – zum Beispiel, um sie widerstandsfähiger gegen Krankheiten zu machen.
Gentechnik
Mit gentechnischen Methoden verändern Pflanzenzüchterinnen und Pflanzenzüchter die Erbanlagen einer Pflanze: Im Labor werden Gene, also die Bausteine des Erbgutes, die bestimmte Eigenschaften bewirken, ausgetauscht, entfernt oder hinzugefügt. So erhält man Pflanzen, die etwa widerstandsfähig gegen Krankheiten oder Pflanzenschutzmittel sind.
Beispiel Sojabohne: Durch Gentechnik wurde sie unempfindlich gegen das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Wird ein Sojafeld damit besprüht, werden alle Pflanzen außer der Sojabohne vernichtet. Das macht den Sojaanbau einfach und effizient.
Doch Gentechnik ist umstritten, unter anderem, weil die gesundheitlichen Auswirkungen auf den Menschen noch nicht endgültig geklärt sind. In Deutschland dürfen bislang keine gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut werden. Dies könnte sich jedoch bald ändern. Die EU-Kommission hat im Juli 2023 ihren Vorschlag für eine Reform der Gentechnik-Gesetze vorgestellt. Danach sollen die Auflagen für Pflanzen, die mit Neuen Genomischen Techniken (NGT) wie zum Beispiel CRISPR/Cas gezüchtet werden, deutlich gelockert werden.
Mit diesen modernen Genom Editing-Verfahren können gezielte Mutation im Erbgut der Pflanzen hervorgerufen werden, was den Züchtungsprozess erleichtert und beschleunigt. Dabei sollen nur kleine Änderungen im Erbgut erlaubt werden, die auch durch die “klassische” Züchtungsarbeit entstehen könnten. Unempfindlichkeit gegen Unkrautvernichtungsmittel wird nicht zugelassen. Die Reform des Gentechnik-Gesetzes wird voraussichtlich 2026 in Kraft treten.
Da nur kleine Änderungen im Erbgut erlaubt sind und sich die Pflanzen nicht von herkömmlich gezüchteten Pflanzen unterscheiden, werden sie als sicher für den menschlichen Verzehr eingestuft. In dieser Hinsicht unterscheiden sich NGT deutlich von der “klassischen” Gentechnik.
Saatgutkonzentration und die Folgen für die Vielfalt
Ob Hybridzüchtung, Gentechnik oder Neue Genomische Techniken: Die Erzeugung von Saatgut liegt heute weitgehend in den Händen der Saatgutindustrie. Allerdings sind anders als im internationalen Raum die meisten Pflanzenzüchtungsunternehmen in Deutschland mittelständisch. Wenn sie eine neue Sorte entwickelt haben, wird ihre Leistungsfähigkeit vom Bundessortenamt geprüft – erst dann darf sie auf den Markt. So wird die Leistungsfähigkeit der neuen Sorte sichergestellt.
Kaufen Landwirtinnen und Landwirte Saatgut, bezahlen sie Lizenzgebühren. Die sind im Saatgutpreis enthalten und entlohnen die Leistung der Züchtungsunternehmen. Möchten sie einen Teil der Ernte wieder aussäen, fallen Nachbaugebühren an. Hybridsorten dürfen nicht nachgebaut werden. Aber sie besitzen ohnehin einen “biologischen Sortenschutz”, da der Ertrag schon in der nächsten Generation einbricht und die Einheitlichkeit vollständig verloren geht.
Traditionelle samenfeste Sorten haben es schwer. Sie sind nicht so einheitlich und gleichförmig wie Hybridsorten und können die Kriterien, die das Bundessortenamt fordert, um sie für den kommerziellen Anbau zuzulassen, meist nicht erfüllen. Auch für Landwirtinnen und Landwirte sind sie aufgrund der geringen Wirtschaftlichkeit kaum von Interesse. Mit dem Schwinden der samenfesten Sorten geht jedoch Vielfalt verloren, die nicht nur schmeckt, sondern auch wichtig ist für die Ernährungssicherung in der Zukunft. Deshalb werden viele alte Sorten in Genbanken (Ex-Situ-Erhaltung) eingelagert oder in Gärten zur Vermehrung angepflanzt (In-situ-Erhaltung).
Saatgut für den eigenen Garten
Wer in seinem Garten selbst Tomaten, Paprika und Co. ernten und daraus Samen fürs nächste Jahr gewinnen möchte, kann zu samenfesten Sorten greifen. Es gibt in Deutschland eine ganze Reihe von Organisationen (siehe angehängte Liste), die sich um den Erhalt der Vielfalt kümmern und nachbaufähiges, samenfestes Saatgut anbieten oder Bezugsmöglichkeiten vermitteln. Auch Museumsgärten oder Gärtnereien sind gute Quellen für alte Sorten. Auch das Bundessortenamt unterstützt die Vielfalt der Kulturpflanzen, indem es sogenannte Erhaltungssorten und Amateursorten zulässt.
Weitere Informationen
BUND: Saatgut von samenfesten Sorten und Informationen im deutschsprachigem Raum
