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Kulturpflanzen - Vielfalt erhalten

Viele Kulturpflanzen sind bedroht oder schon verschwunden. Doch Vielfalt ist unverzichtbar. Um sie zu erhalten, müssen wir sie nutzen.

verschiedene Rüben
Quelle: Hilde Erner

Äpfel, Bohnen, Kartoffeln, Tomaten - ein buntes Angebot an Nahrungspflanzen steht uns heutzutage zur Verfügung. Doch viele Sorten sind in den letzten Jahrzehnten aus den Regalen verschwunden. Wer kennt noch die Tomate `Berner Rose´ oder `Green Zebra´? Oder Emmer, Haferwurzel oder Stoppel-Rübe? Warum sind sie verschwunden? Wie ist die Kulturpflanzenvielfalt einst entstanden? Worin liegt ihr Wert? Und was können Verbraucherinnen und Verbraucher zur Erhalt der Vielfalt tun?

Vielfalt dank Auslese und Migration

Vor vielen tausend Jahren begann der Mensch, Pflanzen durch fortwährende Auslese zu verbessern. So entstand eine Fülle an Sorten. Nur solche Sorten, die an die Bedürfnisse der Menschen und die örtlichen Bedingungen ideal angepasst waren, wurden weiter angebaut und vermehrt. Aus der kleinen Wildtomate beispielsweise entwickelten sich tausende Sorten mit einer enormen Formen-, Farb- und Geschmacksvielfalt. Ob für Sauce, Salat, gekocht oder frisch verzehrt – für jeden Verwendungszweck findet sich eine passende Sorte.


Auch die Migration der Menschen hat Abwechslung in unseren Speiseplan gebracht. Im Gepäck von Wanderern sind vor 7000 Jahren Linse, Erbse und die Urgetreide Emmer und Einkorn aus dem Nahen Osten nach Mitteleuropa gekommen. Zu Beginn der Neuzeit brachten Seefahrer aus Südamerika die Kartoffel, Tomate und Paprika mit. Im Lauf der Jahrhunderte sind unzählige Pflanzen aus fernen Ländern zu uns eingewandert und hier heimisch geworden. Ohne Migration sähe es auf unseren Tellern eintönig aus!

Vielfalt schwindet

In den letzten einhundert Jahren sind laut Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) 75 Prozent der Kulturpflanzen unwiederbringlich verschwunden. Heute decken gerade mal 30 Pflanzenarten 95 Prozent des Kalorienbedarfs der Weltbevölkerung – allein die Hälfte davon sind Weizen, Reis und Mais.


Zwar finden wir heute in Supermärkten Äpfel, Möhren, Salat oder Tomaten. Doch das Obst- und Gemüseangebot wird von nur wenigen Sorten dominiert. Beispiel Kernobst: Alte Apfelsorten wie `Goldparmäne´, `Berlepsch´ oder `Brettacher´, Birnensorten wie `Pastorenbirne´ oder `Stuttgarter Gaishirtle´ sind längst Raritäten. Ähnlich sieht es bei Tomaten aus. Auch hier beherrscht eine Handvoll moderner Sorten das Angebot. Warum ist das so?


Die Industrialisierung nach dem zweiten Weltkrieg machte auch vor der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelherstellung nicht Halt. Anbau und Verarbeitung wurden zunehmend spezialisiert und rationalisiert. Dies erforderte einheitliche, ertragreiche Sorten – auf Feldern, für Supermärkte und Schälmaschinen. Also schuf die moderne Pflanzenzüchtung Hochleistungssorten, die bewährte Landsorten von den Feldern verdrängten. Denn den neuen Anforderungen waren viele traditionelle Sorten buchstäblich nicht gewachsen.

Die alte Tomatensorte `Berner Rose´ etwa überzeugt zwar durch aromatischen Geschmack, lässt sich aber wegen der dünnen Schale schlecht transportieren – und ist daher aus dem Anbau fast verschwunden. Manche Pflanzenarten wurden durch andere verdrängt. Die Pastinake etwa war bis ins 18. Jahrhundert ein Grundnahrungsmittel in der deutschen Küche. Dann wurde sie durch die ertragreichere Kartoffel ersetzt.

Inzwischen hat sich das nährstoffreiche Wurzelgemüse seinen Platz auf dem Teller zurückerobert. Auch Obstkulturen sind vom Sortenschwund betroffen. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts mussten arten- und sortenreiche Streuobstwiesen zunehmend Monokulturen weichen.

Wert alter Sorten für Gärten und Gaumen  

Die einst entwickelte Kulturpflanzenvielfalt ist ein Schatz! Bestes Beispiel hierfür ist die aus dem Wildapfel hervorgegangene breite Sortenpalette: Einige Sorten schmecken eher säuerlich, andere süß. Manche Sorten – zum Beispiel `Klarapfel´– reifen schon im Frühsommer, `Berlepsch´ oder `Brettacher´ dagegen sind erst im Oktober erntereif.  So war es für unsere Vorfahren möglich, die Früchte rund ums Jahr zu nutzen – als Saft, als Mus, frisch oder gedörrt. Mittlerweile weiß man, dass viele alte Apfelsorten wie `Alkmene´ oder `Berlepsch´ für allergiegeplagte Menschen ein Segen sind.


Viele alte Kulturpflanzen sind reich an wertvollen Inhaltsstoffen. Schwarzwurzeln – dank ihrer Nährstoffdichte ein Geschenk für unsere Gesundheit. Das Urgetreide Emmer enthält mehr Eiweiß und Mineralstoffe als Weizen und besticht durch seinen würzigen Geschmack. Und auch das Auge isst mit – der Anblick farben- und formenreicher Tomatenvielfalt ist ein Genuss für sich!


Zudem sind zahlreiche alte Sorten auf dem Acker hart im Nehmen, widerstandsfähig gegenüber bestimmten Krankheiten und Schädlingen oder robust im Umgang mit Trockenheit. Diese Qualitäten benötigen wir, um sie bei Bedarf in moderne Sorten einzukreuzen. In Zeiten des Klimawandels könnte der Schwarze Emmer eine Renaissance erleben. Er verträgt hohe Temperaturen und starke Sonneneinstrahlung besser als der heute üblicherweise kultivierte Saat-Weizen – dunkelblaue Pflanzenfarbstoffe schützen das Getreide gegen UV-Strahlen. Alte Sorten können also Retter in der Not sein.

Vielfalt erhalten, aber wie?

Anders als die modernen Zuchtsorten sind die meisten alten Sorten heute nicht mehr vermarktungsfähig. Dennoch dürfen wir sie nicht gänzlich verlieren. Sie sind unsere genetische Reserve für die Ernährungssicherung zukünftiger Generationen. Hierzu werden sie in Genbanken (Ex-Situ-Erhaltung) eingelagert oder in Gärten zur Vermehrung angepflanzt (In-situ-Erhaltung). Alte Sorten lassen sich aber auch leicht im eigenen Garten oder auf dem Balkon lebendig halten. Erhaltungsinitiativen geben Saatgut bedrohter Kulturpflanzen für den eigenen Bedarf ab. Will man Pflanzen selber vermehren, benötigt man samenfeste Sorten. Im Gegensatz zu Hybridsorten behalten diese in der nächsten Generation ihre Sorteneigenschaften.


Einige traditionelle Kulturpflanzen haben auch heute noch – oder bereits wieder – das Potential, auf unserem Teller zu landen. Das Interesse an ihnen wächst. Vor allem auf Wochenmärkten mit regionalen Anbietern sieht man sie wieder: Kartoffelsorten wie die rotschalige `Roseval´ oder das aus Franken stammende `Bamberger Hörnchen´. Auch Möhrenvielfalt von Gelb über Orange bis Lila findet man inzwischen wieder. Wer alte Kulturpflanzen regelmäßig nutzt, hilft damit, einen Teil der Vielfalt wiederzugewinnen. Auch der Kauf saisonaler und regional erzeugter Lebensmittel unterstützt die Biodiversität und schützt noch dazu Klima und Umwelt. Warum nicht in der kalten Jahreszeit nahrhaftes Wintergemüse wie Kohl und Pastinaken aus heimischem Anbau anstatt Tomaten oder Paprika aus aller Welt! Denn nur was gegessen wird, gerät nicht in Vergessenheit.


Weitere Informationen

ProSpecieRara – Gemeinnützige Gesellschaft für die kulturhistorische und genetische Vielfalt von Pflanzen und Tieren in Deutschland

Stiftung Kaiserstühler Garten zur Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt

Oekolandbau.de: Artenvielfalt

BUND Lemgo: Alte Apfelsorten für Allergikerinnen und Allergiker


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