Lebensmittelabfälle und Lebensmittelverluste in der Landwirtschaft
Letzte Aktualisierung: 19. Juni 2026
Nicht alle Lebensmittel landen auf unseren Tellern – viele gehen bereits bei der Erzeugung verloren. Warum ist das so und wie lassen sich die Verluste vermeiden?
Quelle: Andreas Coerper Mainz via Getty Images
In Kürze
- Lebensmittelabfälle und Lebensmittelverluste entstehen in der Landwirtschaft vor, während und nach der Ernte.
- Wetterextreme, Schädlinge, Krankheiten und wirtschaftliche Faktoren sind wichtige Ursachen.
Auch hohe Qualitätsanforderungen des Handels können dazu führen, dass genießbare Lebensmittel nicht vermarktet werden. - Moderne Erntetechnik, bessere Lagerung und vorbeugende Maßnahmen helfen, Verluste zu verringern.
- Viele aussortierte Erzeugnisse werden weiter genutzt, etwa als Tierfutter oder in Biogasanlagen.
- Nicht alle Lebensmittelverluste lassen sich vermeiden, viele können jedoch durch bessere Planung und Vermarktung reduziert werden.
Von der Erzeugung bis hin zur heimischen Küche werden in Deutschland jährlich fast elf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Die größten Mengen entstehen in privaten Haushalten mit 6,3 Millionen Tonnen sowie in Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung mit rund zwei Millionen Tonnen. Auf die landwirtschaftliche Produktion entfallen dagegen nur rund 200.000 Tonnen.
Die tatsächlichen Mengen an Lebensmitteln, die nicht auf unseren Tellern landen, weil sie vorher von der Landwirtschaft aussortiert werden, sind jedoch größer. Das liegt zum einen daran, dass pflanzliche Produkte erst nach der Ernte und tierische Produkte erst nach der Schlachtung als Lebensmittel gelten. Abfälle, die bereits vorher entstehen, tauchen deshalb in der Abfallstatistik gar nicht auf.
Hinzu kommt: In der Landwirtschaft landen aussortierte Erzeugnisse nicht automatisch im Müll. Sie werden häufig betriebsintern weiter genutzt, etwa als Tierfutter oder in Biogasanlagen. Damit gehen sie aber für die direkte Lebensmittelversorgung verloren, und man spricht von Lebensmittelverlusten.
Wie groß diese Verluste tatsächlich sind, zeigt eine Untersuchung des Thünen-Instituts. Demnach werden in Deutschland durchschnittlich 22 Prozent der landwirtschaftlichen Erzeugnisse nicht wie ursprünglich geplant als Lebensmittel vermarktet, sondern anderweitig genutzt. Dabei gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Produktionsrichtungen: Während in der tierischen Erzeugung rund 30 Prozent betroffen sind, liegen die Anteile beim Getreideanbau bei 24 Prozent, beim Gemüseanbau bei 22 Prozent und im Obstbau bei 18 Prozent. Nur rund zwei Prozent werden tatsächlich entsorgt. Insgesamt gelangen damit etwa drei Viertel der erzeugten Lebensmittel zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern. Die Studie zeigt außerdem, dass viele Betriebe Lebensmittelverluste bislang gar nicht systematisch erfassen.
Dass Verluste von Lebensmitteln bereits auf der Stufe der landwirtschaftlichen Erzeugung ein weltweites Problem sind, verdeutlicht auch eine Studie der Umweltorganisation WWF aus dem Jahr 2021. Sie schätzt, dass jährlich weltweit rund 1,2 Milliarden Tonnen für den menschlichen Verzehr bestimmte Lebensmittel und damit etwa 15 Prozent der gesamten Lebensmittelproduktion bereits in der landwirtschaftlichen Produktion verloren gehen.
Woran liegt das – und wie versucht die Landwirtschaft, solche Verluste zu vermeiden?
Wo entstehen in der Landwirtschaft Lebensmittelabfälle und Lebensmittelverluste?
Lebensmittelverluste können in verschiedenen Phasen der landwirtschaftlichen Produktion entstehen. Die Ursachen reichen von Witterungseinflüssen und Schädlingen über technische Verluste bei der Ernte bis hin zu wirtschaftlichen Entscheidungen oder fehlenden Absatzmöglichkeiten. Viele dieser Verluste lassen sich nur begrenzt vermeiden und sind Teil der natürlichen und wirtschaftlichen Risiken landwirtschaftlicher Produktion.
Vor, während und nach der Ernte gehen Lebensmittel verloren
Vor der Ernte entstehen Lebensmittelverluste insbesondere durch ungünstige Witterung, Krankheiten oder Schädlinge. Der Anbau von Getreide, Obst und Gemüse ist von den Umweltbedingungen abhängig. Extremwetter wie Hagel, Frost, Trockenheit oder Starkregen können ganze Felder vernichten oder Obstplantagen schwer schädigen, sodass Ernteverluste bis zum Totalausfall entstehen können. Mit dem fortschreitenden Klimawandel werden sich die Probleme noch verstärken.
Betriebe mit festen Lieferverpflichtungen, zum Beispiel bei Verträgen mit dem Lebensmitteleinzelhandel, bauen oft “sicherheitshalber” mehr Pflanzen an als eigentlich nötig. Das kann wiederum zu Übermengen führen, die nur schwer abgesetzt werden können.
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Bei der Ernte kann das Erntegut durch fehlerhaft eingestellte Maschinen oder Missgeschicke bei der Ernte von Hand beschädigt werden. Diese sogenannten “Putzverluste”, wie auch die technisch bedingten Verluste, sind allerdings vergleichsweise gering.
Wirtschaftliche Überlegungen können dazu führen, dass Kulturen erst gar nicht geerntet werden. Liegen die Marktpreise sehr niedrig oder sind Ernte-, Sortier- und Transportkosten höher als der mögliche Erlös, lohnt sich die Ernte für Betriebe teilweise nicht mehr. Das betrifft vor allem Obst und Gemüse mit hohem Arbeitsaufwand bei der Ernte.
Nach der Ernte können Verluste während der Sortierung, Reinigung, Trocknung und Lagerung auftreten – einerseits durch Beschädigungen, aber auch durch Schädlinge oder Lagerkrankheiten wie Fäulnis.
Qualitätsanforderungen des Handels schränken Absatzmöglichkeiten ein
Ein Teil der Verluste hängt mit den Anforderungen des Marktes zusammen: So greifen viele Verbraucherinnen und Verbraucher zu optisch einwandfreien Produkten und der Handel definiert oft hohe Qualitätsanforderungen, die weit über gesetzliche Vorgaben hinausgehen. Das hat zur Folge, dass Waren vom Handel nicht abgenommen werden, die eigentlich von guter Qualität sind. Oft geht es um Größe oder Farbe, also Kriterien, die sich auf die Qualität kaum auswirken.
Äpfel oder Kohlköpfe werden beispielsweise aussortiert, weil sie zu groß oder zu klein sind. Kartoffeln müssen sauber gewaschen sein, wenn sie an den Lebensmitteleinzelhandel abgesetzt werden. Die Erdschicht, die der Kartoffel nach der Ernte noch anhaftet, schützt sie aber sowohl vor Licht als auch vor dem Austrocknen und macht sie damit länger haltbar. So führt auch das Waschen von Kartoffeln zu höheren Verlusten. Ähnliches gilt für Knollengemüse, das mit Blättern verkauft werden soll. Die Blätter entziehen den Knollen Wasser und lassen sie schneller vertrocknen.
Die vom Thünen-Institut befragten Landwirtinnen und Landwirte sehen in überhöhten Produkt- und Qualitätsanforderungen des Lebensmitteleinzelhandels sogar den wesentlichen Faktor für Lebensmittelverluste.
Tierische Produkte
Auch in der Tierhaltung gehen Lebensmittel verloren. Ursachen sind unter anderem Krankheiten, Verletzungen oder Tierseuchen. Müssen Tiere behandelt werden, dürfen Fleisch, Milch oder Eier während bestimmter Wartezeiten nicht vermarktet werden. Bei Tierseuchen wie der Afrikanischen Schweinepest oder der Geflügelpest können zudem Sperrmaßnahmen und Transportverbote notwendig werden. In den betroffenen Beständen müssen Tiere getötet werden, um eine weitere Ausbreitung der Tierseuche zu verhindern. Dadurch gehen Lebensmittel verloren oder können nicht wie geplant vermarktet werden.
Landwirtinnen und Landwirte versuchen, solche Verluste durch vorbeugende Maßnahmen zu vermeiden. Dazu gehören eine gute Tiergesundheit, Hygienekonzepte, regelmäßige Gesundheitskontrollen sowie Maßnahmen zur Biosicherheit, die das Einschleppen von Krankheitserregern in die Bestände verhindern sollen.
Wie kann die Landwirtschaft Verluste von Lebensmitteln reduzieren?
Vor der Ernte: Witterungsereignisse oder Schädlinge und Krankheiten lassen sich kaum beeinflussen. Dennoch treffen Landwirtinnen und Landwirte Vorsorge. Für etliche Krankheiten kann mit Prognosemodellen das Risiko genau beobachtet und ein voraussichtlicher Befall vorhergesagt werden. Zudem gibt es Warndienste der Pflanzenschutzämter für besonders gefürchtete Schädlinge.
Im Hinblick auf witterungsbedingte Risiken werden technische Einrichtungen wie Hagelschutznetze oder Maßnahmen zum Schutz vor Spätfrösten eingesetzt. Auch Bewässerung führt zu einer besseren Qualität der Ernteprodukte. Diese technischen Maßnahmen sind jedoch mit erhöhten Kosten verbunden, sodass hier jeweils abgewogen werden muss, ob sich die Investition lohnt.
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Bei der Ernte: Moderne Erntetechnik mit digitaler Unterstützung behandelt das Erntegut besonders schonend und vermeidet Beschädigungen. Wird von Hand geerntet, ist es sinnvoll, das Personal intensiv mit Fokus auf die Minderung von Verlusten zu schulen.
Nach der Ernte: Geeignete Lagermethoden, kurze Lieferketten und intelligente Verpackungen helfen, Verluste zu reduzieren. Durch Mitarbeiterschulungen kann das Personal für die Vermeidung von Verlusten bei Lagerung und Weiterverarbeitung sensibilisiert werden.
Auch durch eine engere Zusammenarbeit mit dem Handel lassen sich Verluste reduzieren – etwa durch flexiblere Abnahmemengen, neue Vermarktungswege für optisch abweichende Produkte oder gemeinsame Verkaufsmaßnahmen bei Erntespitzen.
Alternative Absatzwege reduzieren Lebensmittelverluste
Für Erntegut, das den vertraglichen Anforderungen des Handels nicht entspricht, versuchen Landwirtinnen und Landwirte, alternative Absatzwege zu finden, wie Großmärkte, Hofläden oder Direktvermarktung. Oft werden solche Lebensmittel auch an Tafeln gespendet oder über Foodsharing angeboten. Auch eine Weiterverarbeitung zu Saft oder die Abgabe an Schnapsbrennereien wird in Einzelfällen umgesetzt.
Diese Maßnahmen können jedoch nicht in großem Stil umgesetzt werden, weil es oft an der entsprechenden Infrastruktur fehlt oder die anfallenden Kosten nicht gedeckt werden können.
Was passiert mit den Lebensmittelverlusten?
Lässt sich für Gemüse, Obst, Kartoffeln oder Getreide kein Markt finden, bleiben sie häufig im landwirtschaftlichen oder industriellen Stoffkreislauf erhalten und werden anderweitig genutzt. Oft werden sie als Tierfutter eingesetzt oder in Biogasanlagen verwertet. Die enthaltenen Nährstoffe und die Energie gehen dadurch nicht vollständig verloren. So kann Brotgetreide, das die Qualitätsanforderungen für die Herstellung von Backwaren nicht erfüllt, beispielsweise als Futtergetreide eingesetzt werden. Auch überschüssige Kartoffeln werden in Jahren mit sehr hohen Erntemengen zum Teil an Tiere verfüttert oder in Biogasanlagen genutzt. Dies war beispielsweise bei der Kartoffelernte 2025 der Fall.
Teilweise verbleiben Ernteverluste auch direkt auf dem Feld und tragen dort als organischer Dünger zur Humusbildung sowie zur Nährstoffversorgung des Bodens bei.
