Kann Landwirtschaft auch ohne Nutztiere funktionieren?
Letzte Aktualisierung: 01. August 2026
Eine Landwirtschaft ohne Nutztiere ist in unserem aktuellen Ernährungssystem nicht möglich. Sie müsste grundlegend anders organisiert werden. Wir wagen das Gedankenexperiment.
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In Kürze
- Für eine Landwirtschaft ohne Nutztiere müssten sich Faktoren wie Landnutzung, Lebensmittelnutzung und Ernährungsverhalten grundlegend ändern.
- Weil weniger Tierfutter benötigt würde, könnten Ackerflächen frei werden und stärker für die Erzeugung von Lebensmitteln genutzt werden.
- Pflanzennährstoffe und organische Substanz müssten verstärkt über Leguminosen, Kompost, Biogas-Gärreste und weitere Kreisläufe auf die Felder gelangen.
- Für viele pflanzliche Nebenprodukte und Ernterückstände müssten andere Nutzungswege als die Verfütterung gefunden werden.
- Der Erhalt artenreicher Wiesen und Weiden ohne weidende Nutztiere könnte zu einer zentralen Herausforderung werden, ist aber lösbar.
Die landwirtschaftliche Tierhaltung steht heute zunehmend in der Kritik. Kritisiert werden vor allem die Auswirkungen auf Klima und Umwelt, der hohe Flächenbedarf für den Futteranbau sowie Probleme beim Tierwohl und bei der Tiergesundheit.
Deshalb wird zunehmend darüber diskutiert, ob Landwirtschaft heute auch mit deutlich weniger Nutztieren auskommen könnte, die zugleich tiergerechter gehalten würden. Manche gehen sogar noch einen Schritt weiter und plädieren für eine Landwirtschaft ganz ohne Nutztiere. Doch wäre das möglich – und wenn ja, wie?
Dieser Frage gehen wir im Folgenden nach. Zunächst lohnt sich dafür ein Blick darauf, welche Rolle Nutztieren in der Landwirtschaft überhaupt zukommt und warum sie für viele so selbstverständlich dazugehören.
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Warum halten wir eigentlich Nutztiere in der Landwirtschaft?
Tiere liefern Lebensmittel
Ein wesentlicher Grund für die Haltung von Nutztieren ist die Erzeugung nährstoffreicher Lebensmittel. Fleisch, Milch und Eier liefern Eiweiß sowie verschiedene Vitamine und Mineralstoffe. In vielen Regionen der Welt sind tierische Lebensmittel deshalb ein wichtiger Baustein einer ausgewogenen Ernährung.
Nutztiere verwerten Grünland und Reststoffe
Darüber hinaus erfüllen Nutztiere andere wichtige Aufgaben. Der Tierernährungswissenschaftler Prof. Wilhelm Windisch von der TU München, schreibt in seinem Artikel “Can we do without livestock?”, dass die Landwirtschaft, wie wir sie kennen, ohne Nutztiere nicht möglich wäre. Hierbei verweist er auf die besondere Rolle von Wiederkäuern wie Rinder, Schafe und Ziegen, weil sie für den Menschen unbekömmliche Pflanzen verwerten und Pflanzennährstoffe in Form von Gülle und Mist zur Verfügung stellen können. Auf diese Weise tragen Wiesen und Weiden zur Lebensmittelproduktion bei, die sich für den Ackerbau kaum oder gar nicht eignen. Laut FAO (2025) bestehen rund zwei Drittel der weltweiten landwirtschaftlichen Flächen aus dauerhaftem Grünland. In Deutschland sind es knapp 30 Prozent.
Hinzu kommen Nebenprodukte, die bei der Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln anfallen und als Futter genutzt werden können. Beispiele dafür sind Kleie aus der Getreideverarbeitung, Treber aus Brauereien, Melasse aus der Zuckerherstellung oder Kartoffelpülpe aus der Stärkegewinnung. Ernterückstände, also die Pflanzenteile die nach dem Ernten zurückbleiben, stellen ebenfalls eine mögliche Futterquelle dar. Ein großer Anteil wird allerdings als organischer Dünger in den Ackerboden eingearbeitet und landet nicht im Futtertrog. Laut Windisch fallen in Mitteleuropa auf jedes Kilogramm pflanzliches Lebensmittel mindestens vier Kilogramm nicht essbare Biomasse an; global liege der Anteil noch höher.
Im Ackerbau werden auch gezielt Futtergetreide wie Triticale und Futtergerste angebaut. Das geschieht oft auf Standorten, auf denen anspruchsvollere Kulturen wie Brotweizen nur schlechte Erträge bringen. Zudem spielen sie eine Rolle, um die Fruchtfolge vielfältiger zu gestalten. Prinzipiell wären beide Getreide auch für die menschliche Ernährung geeignet, werden aber kaum nachgefragt, weil sie technologische Nachteile (Backeigenschaften, Glutenqualität) haben oder es geeignetere Arten oder Sorten gibt.
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Nutztiere liefern wertvollen Dünger
Mist und Gülle enthalten Stickstoff, Phosphor, Kalium und weitere Pflanzennährstoffe sowie organische Substanz. Werden sie sachgerecht auf Äckern und Grünland ausgebracht, gelangen Nährstoffe, die zuvor mit dem Futter aufgenommen wurden, wieder in den Boden. Mist und Gülle lassen sich gut sammeln, lagern und gezielt ausbringen, wenn die Kulturpflanzen sie brauchen. Wird die Gülle vor der Ausbringung in der Biogasanlage vergärt, entstehen weitere Vorteile: Es wird Energie gewonnen und gleichzeitig bleiben die Nährstoffe in den Gärresten erhalten – in einer Form, die Pflanzen besonders gut verwerten können.
Was spricht gegen eine stark tierbasierte Landwirtschaft?
Flächenbedarf und Nahrungskonkurrenz
Wenn Pflanzen zunächst an Nutztiere verfüttert werden, steht davon am Ende nur ein Teil in Form von Fleisch, Milch oder Eiern für die menschliche Ernährung zur Verfügung. Der Grund: Die Tiere brauchen einen erheblichen Teil der im Futter enthaltenen Energie und Nährstoffe für ihren eigenen Stoffwechsel, ihre Bewegung und die Aufrechterhaltung ihrer Körpertemperatur. So sind zum Beispiel drei Kilogramm Getreide nötig, um ein Kilogramm Schweinefleisch zu produzieren – Fachleute sprechen in diesem Fall von Veredelungsverlusten.
Ackerflächen in Deutschland
Welche Bedeutung Ackerflächen in Deutschland für die Futtererzeugung haben, zeigt ein Blick auf den Futteranbau. Ungefähr 4,9 Millionen Hektar Ackerland werden für den Anbau von Tierfutter wie Weizen, Mais und Gerste genutzt. Das sind fast 42 Prozent der Ackerfläche in Deutschland.
Solange Nutztiere vor allem Gras vom Grünland oder Nebenprodukte verwerten, die Menschen nicht direkt essen können, fällt das weniger ins Gewicht. Konkurrenz um Nahrung und Anbauflächen entsteht vor allem dort, wo Futter auf Ackerland erzeugt wird. Denn auf diesen Flächen könnten grundsätzlich auch Lebensmittel für Menschen wachsen.
Wie stark diese Konkurrenz um Nahrung und Ackerflächen letztlich ausfällt, hängt in besonderer Weise von der Tierart und der Haltungsform ab. Bei Wiederkäuern, die überwiegend Gras vom Grünland fressen, fällt sie meist geringer aus als bei Schweinen und Geflügel. Letztere sind stärker auf energiereiche Futtermittel wie Getreide und Eiweißpflanzen angewiesen.
Umwelt- und Klimawirkungen
Rinder, Schafe und Ziegen bilden bei ihrer Verdauung Methan, ein stark wirksames Treibhausgas. Weitere Methan- und Lachgasemissionen entstehen bei der Lagerung und Ausbringung von Mist und Gülle. Hinzu kommt Ammoniak, das überwiegend aus der Tierhaltung stammt und zur Belastung empfindlicher Ökosysteme sowie zur Bildung von gesundheitsschädlichem Feinstaub beiträgt.
Ein weiteres Problem ist: Wo viele Tiere auf vergleichsweise wenig Fläche gehalten werden, fallen oft mehr Nährstoffe mit Mist und Gülle an, als die umliegenden Böden und Pflanzen sinnvoll aufnehmen können. Die tierischen Ausscheidungen müssen dann aufwendig transportiert werden, da bei Überdüngung überschüssiger Stickstoff und Phosphor ins Grundwasser, Flüsse und Seen gelangen und diese belasten.
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Fragen des Tierwohls
Nicht zuletzt ist die Art, wie wir Nutztiere halten, ein zentraler Kritikpunkt. In vielen Haltungsverfahren können Nutztiere ihre natürlichen Verhaltensweisen nur eingeschränkt ausleben. Dazu kommen Belastungen durch Zucht auf hohe Leistungen, Krankheiten, Transporte und die Schlachtung. Höhere Haltungsstandards können diese Probleme mindern, lösen den grundsätzlichen Konflikt der Nutzung und Tötung von Tieren aber nicht vollständig.
Wie könnte Landwirtschaft ohne Nutztiere funktionieren?
Eine Landwirtschaft ohne Nutztiere setzt voraus, dass eine Gesellschaft bereit ist, ihre Ernährungsgewohnheiten grundlegend zu verändern und sich dauerhaft vegan zu ernähren. Setzen wir dieses, aus heutiger Sicht unwahrscheinliche, Szenario einmal voraus, müsste die Landwirtschaft, wie wir sie jetzt kennen, grundlegend anders organisiert werden.
Pflanzen anders düngen
Im konventionellen Pflanzenbau könnten mineralische Dünger die Versorgung der Pflanzen mit Nährstoffen wie Stickstoff, Phosphor, Kalium grundsätzlich übernehmen. Eine rein mineralische Düngung würde allerdings die ohnehin schon hohe Abhängigkeit von energieaufwendig hergestellten und teils importierten Mineraldüngern noch verstärken.
Problematisch wäre die Umstellung auch aus einem anderen Grund: Denn Mist und Gülle liefern nicht nur Nährstoffe, sondern auch organische Substanz, die für die Humusbildung und Bodenfruchtbarkeit wichtig ist. Diese müsste dann zusätzlich über Biogas-Gärreste, Kompost oder Gründüngung zugeführt werden.
Der Ökolandbau, der keine Mineraldünger verwendet, ist hier systembedingt einen Schritt weiter: Er stützt die Nährstoffversorgung der Pflanzen zum großen Teil auf Leguminosen, vielfältige Fruchtfolgen, Zwischenfrüchte sowie Gründüngung. Gleichzeitig kommt in einem Großteil des ökologischen Landbaus tierischem Dünger eine besondere Bedeutung zu, da Nutztiere in den meisten ökologischen Betrieben ein elementarer Teil des Stoffkreislaufes sind. Zum Einsatz kommen – neben Mist und Gülle beispielsweise auch Horn-, Knochen- und Federmehl.
Mit einem weiteren Rückgang der Tierhaltung gewinnt daher auch für den Ökolandbau die Frage an Bedeutung, wie sich Bodenfruchtbarkeit und Düngung künftig auf rein pflanzlicher Grundlage sicherstellen lassen. Eine Möglichkeit könnte der sogenannte biozyklisch-vegane Anbau sein: eine Form des ökologischen Landbaus, die darauf abzielt, Bodenfruchtbarkeit und Pflanzenernährung auf rein pflanzlicher Grundlage sicherzustellen.
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Wohin mit Kleie, Stroh & Co?
Eine andere Frage betrifft die Ernterückstände und pflanzlichen Nebenprodukte der Lebensmittelverarbeitung, die heute in großen Mengen in der landwirtschaftlichen Tierhaltung verwertet werden. Ohne Nutztiere müssten für diese Stoffe andere Verwendungswege gefunden werden.
Einige könnten stärker für die Herstellung von Lebensmitteln oder als Rohstoffe für die Industrie genutzt werden. Der größte Anteil der pflanzlichen Nebenprodukte fällt in der Ölproduktion an. Die proteinreichen Pressrückstände werden bislang hauptsächlich an Tiere verfüttert. Rückstände von Soja und Sonnenblumenkernen werden heute schon manchmal als Fleischersatz eingesetzt , zum Beispiel für die Herstellung von Sonnenblumenhack oder Sojageschnetzeltem.
Das Fraunhofer CBP entwickelte ein besonders schonendes Pressverfahren, das die Produktion von Burger-Patties und Pasta aus Raps erlaubt. Denn Nebenprodukte der Rapsölherstellung eignen sich bisher noch nicht für die menschliche Ernährung, da sie viele Fasern und Bitterstoffe enthalten.
Faserreiche Stoffe wie Stroh, aber auch Pressrückstände aus der Saftproduktion (Trester) und Erbsenschalen, ein Nebenprodukt der Erbsenprotein-Herstellung, eignen sich beispielsweise als Nährmedium für Speisepilze.
Das sind vielversprechende erste Ansätze. Um pflanzliche Nebenprodukte im großen Maßstab für die menschliche Ernährung nutzbar zu machen, müsste aber weiter erforscht werden, wie sich die Prozesse in der Lebensmittelverarbeitung auf diesen Verwendungszweck hin optimieren lassen.
Nicht jeder Futteranbau ist alternativlos
Das Argument, dass auf Ackerflächen, die für anspruchsvolle Kulturen wie Brotweizen nicht geeignet sind, nur Futtergetreide angebaut werden könne, ist nur bedingt tragfähig. So kommt Roggen mit vergleichsweise geringen Standort- und Nährstoffansprüchen zurecht und kann auch auf sandigen Böden sowie Standorten mit eingeschränkter Wasserversorgung als Brotgetreide angebaut werden. Auch Dinkel stellt geringere Ansprüche an die Bodenqualität als Weizen und eignet sich unter anderem für nährstoffarme, flachgründige Böden und Grenzlagen des Ackerbaus. Zwar fallen die Erträge dort meist geringer aus als auf günstigeren Standorten. Grundsätzlich können auf einem Teil dieser Flächen aber auch Kulturen für die menschliche Ernährung wachsen.
Was würde aus Wiesen und Weiden?
Als zentrale Herausforderung bei der Umstellung auf nutztierlose Landwirtschaft gilt das Grünland. Denn nicht jede Wiese und Weide eignet sich für den Ackerbau. Manche Böden sind zu nass, zu trocken oder weisen eine zu geringe Tiefe auf. Andere Flächen sind zu steil oder unwegig für den Anbau von Getreide, Gemüse oder Hülsenfrüchten. Ein Umbruch von Wiesen und Weiden zu Ackerland hätte auch erhebliche Auswirkungen auf die Treibhausgas-Emissionen. Denn Grünlandböden speichern doppelt so viel Kohlenstoff wie Ackerböden.
Daher stellt sich die Frage, wie diese Flächen auch ohne landwirtschaftliche Tierhaltung sinnvoll genutzt und gepflegt werden könnten.
Mit dieser Frage hat sich auch Axel Anders vom Förderkreis Biozyklisch-Veganer Anbau intensiv beschäftigt. Für ihn ist eine Landwirtschaft ohne Nutztiere nicht nur möglich, sondern bereits gelebte Praktik. Nach seiner Auffassung sollte die künftige Nutzung von Grünland vor allem nach Standort, ökologischer Funktion und Nutzungspotenzial differenziert betrachtet werden. Denn Grünland ist nicht gleich Grünland. Es gibt intensiv genutztes Wirtschaftsgrünland und extensives Grünland. Letzteres ist wegen seines hohen Artenreichtums von besonderer ökologischer Bedeutung, macht aber nur einen vergleichsweise kleinen Teil des Grünlands aus (siehe Infokasten).
Laut Monitoring des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) lag der Anteil von Grünland mit hohem Naturwert – das heißt artenreiches Grünland – an der gesamten Agrarlandschaftsfläche 2024 bei 6,5 Prozent. Das waren etwa 23 Prozent der Grünlandfläche.
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Dieses ökologisch wertvolle Dauergrünland sollte aus Sicht von Anders erhalten bleiben. Sein Fortbestand sei jedoch nicht zwangsläufig an eine wirtschaftliche Tierhaltung gebunden. Für dieses Grünland müsste entsprechend geprüft werden, welche extensiven Pflegekonzepte am sinnvollsten seien, damit man den Artenreichtum erhalten kann.
Eine Möglichkeit ist die späte Mahd, bei der die Wiese erst gemäht wird, wenn viele Pflanzen bereits Samen gebildet haben. Der Aufwuchs solcher Wiesen ließe sich anschließend kompostieren oder in Biogasanlagen vergären. Die Gärreste können dann als pflanzlich-organischen Dünger auf Ackerflächen verwendet werden. Je nach Standort könnte man die Grünlandflächen auch als Streuobstwiesen nutzen oder bei spezieller Eignung Nussbäume darauf anbauen.
Auf Grünlandflächen, die ehemals Moore waren, könnte es sinnvoll sein, den Wasserstand wieder anzuheben, damit sie vernässen. Andere Flächen könnte man einfach sich selbst überlassen, sodass daraus Wald entsteht. Beides nützt dem Klima, weil Moore und Wälder große Mengen an Kohlenstoff speichern können.
“Alles das setzt natürlich voraus, dass die zu erbringenden Leistungen gesellschaftlich angemessen anerkannt und über Fördergelder honoriert werden”, sagt Anders. Dies gelte aber auch heute schon für die Beweidung von extensivem Grünland, die ohne Förderung meist nicht rentabel wäre.
Könnte eine nutztierlose Landwirtschaft mehr Menschen ernähren?
Mehrere Modellstudien kommen zu dem Ergebnis, dass eine stärker pflanzenbasierte Landwirtschaft auf derselben oder einer vergleichbaren landwirtschaftlichen Fläche mehr Nahrungskalorien direkt für Menschen bereitstellen könnte. Wie stark der Zuwachs an verfügbaren Nahrungskalorien tatsächlich ausfallen würde, variiert allerdings je nach untersuchtem Szenario.
Dahinter stehen zwei Effekte: Zum einen gehen weniger Kalorien verloren, da weniger für Menschen geeignete Ackerfrüchte an Tiere verfüttert werden. Zum anderen würde ein nicht unerheblicher Teil der Flächen frei, die heute für Weideland oder den Anbau von Futtermitteln gebraucht werden (siehe Infokasten).
Wie stark Tierhaltung die Agrarfläche beansprucht
Eine vielzitierte Metaanalyse der Wissenschaftler Poore und Nemecek von 2018 schätzt, dass Fleisch, Aquakultur, Eier und Milchprodukte rund 83 Prozent der weltweiten Agrarfläche beanspruchen, aber nur 37 Prozent des globalen Proteins und 18 Prozent der Kalorien liefern.
Die Studie zeigt zudem in einer Modellrechnung, dass der Flächenbedarf für die Landwirtschaft insgesamt um etwa 76 Prozent gesenkt werden könnte, wenn wir uns rein vegan ernähren würden. Die benötigte Ackerbaufläche würde in diesem Fall um rund 19 Prozent abnehmen .
Quelle: J. Poore und T. Nemecek (2018), Reducing food’s environmental impacts through producers and consumers
Mehr verfügbare Nahrungskalorien bedeuten allerdings nicht automatisch eine ausgewogene Ernährung. Dafür müsste die Landwirtschaft gezielt andere Kulturen anbauen, etwa mehr Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst, Nüsse und Ölsaaten. Auch die Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und hochwertigen Eiweißquellen müsste sichergestellt werden. Darüber hinaus muss neben der Menge an Nahrungskalorien die Bioverfügbarkeit der pflanzlichen Nährstoffe, also wie gut diese vom menschlichen Körper aufgenommen werden können, beachtet werden. Ebenso bleibt die Frage der Lebensmittelverteilung offen, da nicht in allen Gegenden pflanzliche Lebensmittel angebaut werden können.
Welche Folgen hätte eine nutztierlose Landwirtschaft für das Klima?
In einer Landwirtschaft ohne Nutztiere würden die von den Tieren und Haltungsprozessen entstehenden Treibhausgasemissionen entfallen. Vor allem Rinder, Schafe und Ziegen bilden bei ihrer Verdauung Methan. Weitere Methan- und Lachgasemissionen entstehen bei der Lagerung und Ausbringung von Mist und Gülle. Hinzu kämen Einsparungen beim Futtermittelanbau. Würden weniger Mais, Getreide oder Soja benötigt, da es keinen Bedarf an Tierfutter gibt, könnten auch Emissionen aus Anbau, Düngung, Verarbeitung und Transport sinken.
Wie groß der Klimanutzen tatsächlich wäre, hängt jedoch stark davon ab, was mit den freiwerdenden Flächen geschieht. Werden ehemalige Futterflächen weiter intensiv landwirtschaftlich genutzt, fällt der zusätzliche Effekt geringer aus. Werden sie dagegen wiedervernässt, aufgeforstet oder der natürlichen Entwicklung überlassen, können Pflanzen und Böden zusätzlich Kohlenstoff speichern.
Quelle: Albert Brunsting via Getty Images
Ganz ohne Nutztiere? Utopisch – weniger ist jedoch machbar
Landwirtschaft kann grundsätzlich ohne Nutztiere funktionieren. Aus Sicht von Klima, Flächenverbrauch und Tierwohl spräche vieles dafür. Doch eine vollständig nutztierlose
Landwirtschaft würde einen grundsätzlichen Systemwandel benötigen, bei dem sich Faktoren wie Landnutzung, Lebensmittelverarbeitung sowie Agrarpolitik und - ökonomie grundlegend ändern müssten. Das würde viele Herausforderungen mit sich bringen und wäre allenfalls langfristig möglich. Außerdem müsste eine ganze Gesellschaft dazu bereit sein sich dauerhaft vegan zu ernähren – bisher tun dies, je nach Studie, gerade mal zwischen einem und drei Prozent der Menschen in Deutschland.
Deutlich realistischer als eine Landwirtschaft ganz ohne Tiere ist ein System mit deutlich weniger Tieren. Wiederkäuer könnten dann in geringeren Besatzdichten überwiegend von Grünland ernährt werden und das Futter von Schweinen und Geflügel würde zum großen Teil aus Nebenprodukten aus Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung bestehen. Der gezielte Anbau von Getreide, Mais oder Soja als Tierfutter würde dagegen stark zurückgehen und Fläche für den Anbau pflanzlicher Lebensmittel frei.
Weitere Informationen
Förderkreis Biozyklisch-Veganer Anbau e. V.
Bundeszentrum Weidetiere und Wolf: Was würde fehlen, wenn es keine Weidetiere mehr gäbe?
