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Wieso werden Kühe und Kälber nach der Geburt getrennt?

Quelle: ahavelaar via Getty Images

Frage von Claudia Renner:

Mich würde interessieren, aus welchen Gründen Kuh und Kalb gleich nach der Geburt getrennt werden und ob es da nicht andere Möglichkeiten gibt.

Antwort von Andrea Rahn-Farr:

Auf den Milchbauernhöfen weltweit werden Kühe und Kälber kurz nach der Geburt getrennt. Für diese seit Jahrzehnten praktizierte Trennung gibt es mehrere Gründe. Zum einen zeigt ein Blick in natürliche Herden, dass die Mutter nicht von Anfang an eine Bindung zu ihrem Kalb hat. Wird ein Kalb tot geboren, nehmen das die meisten Kühe verhältnismäßig gleichgültig hin. Die Prägung dauert zwei bis drei Tage und deswegen funktioniert die Trennung von Kuh und Kalb direkt nach der Geburt relativ problemlos. Viele Menschen denken, dass Kuh und Kalb der Trennungsstress bei der muttergebundenen Aufzucht erspart bleibt, doch verschiebt sich hier lediglich der Zeitpunkt nach hinten und der Absetzstress ist für Mutter und Kalb größer als beim frühen Trennen am ersten Tag.

Andrea Rahn-Farr hält auf ihrem Hof im Wetteraukreis 450 Milchkühe und betreibt zudem eine Biogasanlage.
Quelle: Thomas Wengenroth

Zudem müssen wir Landwirte sichergehen, dass das neugeborene Kalb von Anfang an genug Milch aufnimmt. Besonders wichtig ist das bei der ersten Milch ("Kolostralmilch" oder "Biestmilch" genannt), die möglichst innerhalb der ersten drei bis vier Lebensstunden aufgenommen werden sollte. Sie enthält die Immunglobuline, die das Immunsystem des Kalbes in den ersten sechs Lebenswochen bilden. Denn Kälber werden ohne eigene Immunität geboren und müssen diese erst aufbauen. Vor allem bei Kühen, die zum ersten Mal ein Kalb gebären, kann es jedoch Probleme geben, dass sie das Kalb nicht ans Euter lassen oder die Milch nicht laufen lassen wollen. Ein weiteres Risiko, das sich durch die Trennung minimieren lässt, ist die Gefahr des Totliegens: Manchmal legen sich die Kühe nämlich so unvorsichtig hin, dass sie sich auf das Kalb drauflegen und es damit erdrücken.

Nicht zuletzt werden Milchkühe gehalten, weil sie Milch für den Verkauf geben. Und sie geben viel mehr Milch als das Kalb trinken könnte. Einige Betriebe melken ihre Kühe nicht ganz leer, sodass für das Kalb noch etwas übrig ist. Es darf dann zweimal am Tag zum Saugen zu seiner Mutter. Es ist aber sehr schwer abzuschätzen, ob das Kalb so genug Milch bekommt oder ob im Gegenteil noch "Restmilch" im Euter verbleibt, die dann abgebaut und verstoffwechselt werden muss, was das Risiko von Euterentzündungen steigert.

Um diese Nachteile zu umgehen und die Kälber trotzdem saugen zu lassen, praktizieren einige Landwirte die Kälberaufzucht per Amme. Dabei säugt eine Kuh, die nicht gemolken wird,  meist mehrere "fremde" Kälber, die nicht nur zum Saugen, sondern dauerhaft bei ihr bleiben dürfen. Das kann ein guter Kompromiss sein, ändert jedoch nichts an der von Ihnen angesprochenen Trennung von Mutter und Kalb.

Antwort von Alfred und Silvia Rutschmann:

Auf unserem Hof betreiben wir seit 2005 eine eigenständig entwickelte Form der "Muttergebundenen Kälberaufzucht". Dabei verbleibt das Kalb für circa eine Woche mit seiner Mutter in einer separaten, geräumigen Abkalbebox. Bereits ab dem zweiten Tag wird die Kuh gemolken, das Kalb bleibt während des Melkens allein in der Abkalbebox und lernt so die zeitweilige Trennung von Anfang an.

Alfred und Silvia Rutschmann halten auf ihrem Biobetrieb im Landkreis Waldshut 50 Milchkühe und 100 Jungrinder und –ochsen und betreiben auf 130 Hektar Fläche vor allem Ackerbau und Grünlandwirtschaft.
Quelle: Enver Hirsch

Nach circa einer Woche wird die Kuh in den Herdenverband zurückgebracht, das Kalb kommt in die zentral im Stall gelegene Kälbergruppe und darf zweimal am Tag bei seiner Mutter nach dem Melken saugen. Kuh und Kalb bleiben jeweils für eine halbe bis eine Stunde beisammen und pflegen intensiv ihre Kuh-Kalb-Beziehung. Wenn das Kalb satt ist, wird es zurück in die Kälbergruppe gebracht. Nach wenigen Tagen kann die Kuh ihr Kalb sehr gut "loslassen" und geht beruhigt zur Herde zurück.

Dies trägt deutlich zum Wohlbefinden von Kuh und Kalb bei. Ersten Untersuchungen zufolge sind die so aufgezogenen Kälber gesünder, sie wachsen schneller und zeigen keine Verhaltensstörungen. Über die Muttermilch nehmen sie Immunstoffe auf, die sie weniger anfällig für Krankheiten machen. 

Mit gezieltem und zeitlich begrenztem Zueinanderlassen wird eine sehr enge Kuh-Kalb-Beziehung, wie sie sich bei ständigem Kontakt einstellen würde, verhindert. Nach drei bis vier Monaten werden die Kälber schrittweise entwöhnt. Wir stellen den Kälbern erwachsene Kühe als "Kindergärtnerinnen" an die Seite, bei denen sie noch etwas nuckeln können, die ihnen aber vor allem Sicherheit geben. So gelingt das Absetzen relativ sanft.

Unser System erfordert eine gute Beobachtung der Kühe und Kälber, so entsteht eine intensive Mensch-Tier-Beziehung. Da Kälber leicht verwildern, muss bewusst regelmäßig ein intensiver Kontakt zu ihnen gepflegt werden, um sie positiv auf den Menschen zu prägen.

Die Kuh ist ein sehr mütterliches Wesen, für das die Aspekte Fruchtbarkeit, Geburt und Versorgung des Kalbes sehr bedeutsam sind. Deswegen meinen wir, dass zu ihrer artgerechten Haltung auch das "Muttersein-Dürfen" gehört.

Lilja Sidora ist Landwirtin am Dottenfelderhof im hessischen Wetteraukreis. In der 80-köpfigen Milchviehherde des Biohofes wird seit 2013 muttergebundene Kälberaufzucht betrieben.
Quelle: Lilja Sidora

Antwort von Lilja Sidora:

Normalerweise werden Kälber und Kühe in der Milchviehhaltung direkt nach der Geburt oder bis zum dritten Lebenstag voneinander getrennt. Die Kälber werden in unterschiedlichen Verfahren mindestens drei Monate getränkt, die Kühe werden gemolken. Die Kälber werden getrennt von den Kühen in Gruppen aufgezogen.

Wir haben uns intensiv mit der Kälberaufzucht in den ersten Wochen beschäftigt und dann beschlossen, ab dem Frühjahr 2013 mit der muttergebundenen Kälberaufzucht einen anderen Weg zu gehen. Hier bleiben Kuh und Kalb in der ersten Phase sehr eng zusammen. Das Kalb trinkt an der Kuh, die Kuh wird aber trotzdem gemolken. Mit zunehmendem Alter des Kalbes werden die Abstände in denen sich Kuh und Kalb treffen größer, die Milchaufnahme erfolgt aber nach wie vor an der Mutter, bzw. an einer anderen Mutter, die aber auch ihr eigenes Kalb aufzieht.

So können Mutter und Kalb intensiven Kontakt zueinander entwickeln und die Kuh erfährt - über das Lecken des Kalbes -, was ihr Kalb benötigt. Durch den Kontakt sowohl zur eigenen Mutter, aber auch zu den anderen erwachsenen Kühen in der Tränkegruppe und zu Kälbern verschiedenen Alters, lernt das Kalb eine ganz andere Art des Sozialverhaltens, als wenn es sich über drei Jahre ausschließlich mit wenigen anderen Gleichaltrigen in einer Gruppe aufhält. Das ist wichtig für das spätere Sozialverhalten und die Integration in die Kuhherde.

Wir sind von diesem “neuen” System der Mutterbindung voll überzeugt, auch wenn wir weiterhin mit unseren Tieren zusammen lernen, wie wir es perfektionieren können. Um auch die Bullenkälber hier auf dem Hof aufziehen zu können, läuft darüber hinaus seit zwei Jahren ein Pilotprojekt zur Mast im Milchviehbetrieb. Die Tiere wachsen hier auf, haben eine Saison Weidegang und werden mit einem Jahr als Jungrind geschlachtet. Die Fleischqualität ist gut und das Fleisch wird im Laden erfolgreich vermarktet.


Die Antworten werden vom Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL) inhaltlich nicht verändert. Sie spiegeln die Meinung der befragten Landwirtinnen und Landwirte wider und nicht zwangsläufig die des BZL.